Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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9. April 1865 Louis Pasteur präsentiert die Pasteurisierung

Die Pasteurisierung, eine großartige Entdeckung zur Haltbarmachung von Milch oder Wein. Natürlich benannt nach ihrem Erfinder: Louis Pasteur. Aber hat er das Verfahren wirklich erfunden? Autor: Hellmuth Nordwig

Stand: 09.04.2019 | Archiv

09 April

Dienstag, 09. April 2019

Autor(in): Hellmuth Nordwig

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Milch und Wein sind empfindlich. Lässt man sie nur ein paar Tage an der Luft stehen, dann werden sie sauer und ungenießbar. Fruchtsäfte genauso. Es gibt aber eine Möglichkeit, sie haltbar zu machen: Man muss die Flüssigkeit einmal erhitzen. Nicht zu heiß und nicht zu lang. Milch zum Beispiel höchstens eine halbe Minute bei gut 70 Grad Celsius. Pasteurisierung heißt dieses Verfahren, und benannt ist es nach dem berühmten französischen Forscher Louis Pasteur. Der hat es an der Pariser Universität Sorbonne am 9. April 1865 präsentiert. Und es zwei Tage später zum Patent angemeldet.

Wer hat’s erfunden?

Aber hat Pasteur die Pasteurisierung wirklich erfunden? Na sicher, so stellt er es später selbst dar, in seinem Buch "Etudes sur le vin". 25 Flaschen Pinot habe er zu diesem Zweck bekommen, von einem gewissen Gérard Elisabeth Alfred de Vergnette-Lamotte.

48 Stunden lang lässt Pasteur den Wein ruhen. Dann erhitzt er einige Flaschen, die noch verkorkt sind, behutsam auf 60 Grad. Lässt sie wieder abkühlen und stellt sie in den Keller, zusammen mit dem Rest des Weins, den er nicht erwärmt hat. Doch ach, der ist ein paar Wochen später trüb und ungenießbar, wie Wein damals immer wird, wenn man ihn zu lange aufhebt. Aber aus den erhitzten Flaschen, welche Wonne, da schmeckt Pasteur der Pinot, und klar ist die Flüssigkeit auch. Heureka! Endlich haltbarer Wein, Louis Pasteur sei Dank.

Fremde Federn

Nun müssen wir aber Wasser in den Wein gießen. Dass Pasteur ein autoritäres Ekelpaket war, das so ziemlich alle Fachkollegen gegen sich aufgebracht hat, zum Beispiel Justus Liebig und Robert Koch, das sei nur am Rande erwähnt.

Schwerer wiegt hier, dass er es - ehrgeizig, wie er war - mit der Wahrheit nicht immer genau genommen hat. Wohl aus gutem Grund hat er die Veröffentlichung seiner Laborbücher verboten. Daran hat sich noch der letzte Nachfahre gehalten, der 1971 gestorben ist. Nach dessen Tod haben Wissenschaftler diese Aufzeichnungen ausgewertet und waren entsetzt: Der große Louis Pasteur hat sich nicht gescheut, Forschungsergebnisse zu schönen und Erfindungen für sich zu reklamieren, die nicht seine Ideen waren.

Vielleicht auch die Pasteurisierung. Denn glaubt man einem französischen Online-Lexikon, war die Sache ganz anders, als Pasteur sie darstellt: Just jener Gérard Elisabeth Alfred de Vergnette-Lamotte, von dem der Gelehrte seinen Versuchswein bezogen hat, habe schon zwanzig Jahre zuvor Wein erwärmt und dadurch haltbar gemacht. Und darüber auch im "Journal de Beaune" berichtet. Pasteur müsse davon gewusst haben, schließlich hätten sich die beiden Männer gut gekannt, und trotzdem habe er das Verfahren als sein eigenes ausgegeben und sogar patentiert.

Kann gut sein, dass es so war. Es ist aber auch nicht ganz ausgeschlossen, dass es heute noch Menschen gibt, die Louis Pasteur am Zeug flicken wollen. Denn einen Teil seines großen Ruhms hat der Unsterbliche - wie die französische Wissenschaftsakademie ihn immer noch nennt - einfach nicht verdient. Ob dazu auch die Pasteurisierung zählt, die seinen Namen trägt…?


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