Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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26. Mai 1976 Urteil im sogenannten KZ-Eier-Prozess

Bernhard Grzimek, der beliebte TV-Tierpapa durfte es - laut Urteil eines Oberlandesgerichts vom 26. Mai 1976: nämlich Hühnerhaltung in Legebatterien mit KZ-Lagerbedingungen vergleichen. Seitdem ist der Vergleich von aktuellen Übeln mit Nazi-Verbrechen schwierig geblieben.

Stand: 26.05.2011 | Archiv

26 Mai

Donnerstag, 26. Mai 2011, 09:50 Uhr

Autor: Markus Mähner

Sprecher: Johannes Hitzelberger

Redaktion: Thomas Morawetz / Wissenschaft und Bildung

"Hab ich da richtig gehört?" hat da wohl der eine oder andere ausgerufen, als er den Vergleich damals - in der 70er Jahren - hörte: Unsere deutschen Hühner legen ihre Eier in einer Art KZ-Haltung?! Das gute deutsche Frühstücksei, das allmorgendlich aus der Legebatterie auf den Tisch kommt, ein KZ-Ei?!! Unfassbar! Und das auch noch aus dem Mund eines Mannes, dem man solche Ausbrüche schon mal gar nicht zutraute! Befasste der nette ältere Herr mit weißem Haar und dicker Brille sich sonst doch mit süßen kleinen Tapirkindern aus dem Frankfurter Zoo - oder der Gepardin "Shita", die damals jedes Kind zuhause zum Knuddeln haben wollte! Ja, eben dieser Bernhard Grzimek, der jede Sendung mit "Meine lieben Freunde" begann, sprach nun so von unseren Frühstückseiern! Meine lieben Freunde, die Eier, die ihr da esst, stammen aus KZs! Nein, das darf nicht sein!

Doch, durfte es schon! - so zumindest urteilte das Oberlandesgericht Düsseldorf am 26. Mai 1976 über Grzimeks Ausdruck. Der Stammvater aller Steinläuse durfte weiterhin den noch heute beliebten Vergleich zwischen Legebatterien und den nationalsozialistischen Konzentrationslagern benutzen.

Dabei war das zu einer Zeit, in der diese Vergleiche bereits als unangemessen und unhaltbar angesehen wurden: War bis Anfang der 60er-Jahre jeder politische Gegner in Ost und West gerne mal ein "KZ-Wärter", so bildete sich seit dem Frankfurter Ausschwitzprozess Mitte der 60er-Jahre die Übereinkunft heraus: Die Verbrechen, die in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern begangen wurden, sind unvergleichbar. Wer sich nicht dran hielt, wurde gern schon mal zum Rücktritt aufgefordert. Entgleisung! Unzumutbar!

Das hielt Helmut Kohl allerdings nicht davon ab im Wahlkampf 1986 davon zu sprechen, die DDR hielte politische Gegner in Konzentrationslagern gefangen! Als ihn die Opposition dafür am Wickel hatte, antworteten seine Parteigenossen: Die SPD sei auch nicht besser: Der große Willy Brandt habe ja selbst 1961 zum Bau der Mauer von Ulbrichts "Mammut-KZ" gesprochen!

Da ist einfach nichts machen: KZ- und Ausschwitz-Vergleiche erregen immer wieder die Öffentlichkeit - und sichern dem Urheber des Vergleichs Aufsehen in der Presse! Es läuft wie eh und je: Man vergleicht zum Beispiel die Anti-Baby-Pille oder die Abtreibung mit Selektion und Auschwitz. Daraufhin empören sich politische Gegner und Kommentatoren. Schamlos! Der Vergleich muss zurückgenommen werden! Außerdem: Rücktritt! So geht es breit durch die Presse, und schon ist das Ziel erreicht. Eine Woche später ist der ganze Aufruhr vergessen, und alles geht weiter wie bisher. Bis der Nächste von KZs und Auschwitz schwadroniert!

So funktionierte es auch bei Grzimek und so funktionierte es 2004, als die Tierrechtsorganisation PeTA eine Kampagne startete mit dem Titel "Der Holocaust auf ihrem Teller". Doch die PeTA hatte weniger Glück damit, als einstmals der beliebte Fernseh-Tierpapa Grzimek. Von ihren acht Plakaten, die etwa halbverhungerte Häftlinge neben einem ausgemergelten Kalb oder zerzausten Huhn darstellten, durfte in Deutschland nur eins gezeigt werden. Doch das Ziel der Kampagne war erreicht. Und wer sich die Originalplakate ansehen wollte, konnte das ja im Internet - denn in anderen Ländern ist man mit KZ-Vergleichen nicht so strikt!

Doch seit einigen Jahren sind Vergleiche mit den Greueltaten der NS-Zeit nicht mehr so en vogue. Die inflationäre Verwendung der Wörter "Auschwitz" und "KZ" und die stereotypen Proteste darauf haben zum Abstumpfen geführt. Wer heute gegen die alte DDR polemisieren will, der redet nicht mehr von Ulbrichts "Mammut-KZ", sondern nennt das Kind gleich beim Namen und spricht von "Stasimethoden". Das scheint in den letzten Jahren besser zu wirken.


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