Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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21. Januar 2001 Jutta Kleinschmidt gewinnt als erste Frau Rallye Paris-Dakar

Die Rallye Paris-Dakar gilt als das härteste Motorsportrennen der Welt. Motoren, Getriebe und Racing sind natürlich Männersache. Denkste! Am 21. Januar 2001 gewinnt Jutta Kleinschmidt als erste Frau das Rennen. Autor: Simon Demmelhuber

Stand: 21.01.2020 | Archiv

21 Januar

Dienstag, 21. Januar 2020

Autor(in): Simon Demmelhuber

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Warum tut man sich das an: Drei Wochen eingeklemmt in eine Waschtrommel im Schleudergang, von Bodenwellen und Querfurchen durchgeprügelt, bis jeder Muskel aufschreit? Warum erträgt man die Hitze, den Dreck, das Motorengedröhn und den schmirgelnden Sand, der durch alle Nähte kriecht, der reibt und scheuert und nachts noch in den Zähnen knirscht?

Das härteste Rennen der Welt

Für diesen benzinschwülen Irrsinn gibt es nur einen Grund: Die Rallye Paris Dakar, das härteste Langstreckenrennen der Welt. 10.000 Kilometer über bockige Wellblechpisten und wandernde Sandgebirge, durch ausgeglühte Stein- und Schotterwüsten, durch strauchgetüpfelte Savannen, zähen Schlamm und schleiernden Staub. Jeder Sprung über einen Dünenkamm, jede unterschätzte Kurve, jeder übersehene Felsbrocken, jede grundlose Furt kann geplatzte Reifen, geschrottete Getriebe und Achsen, aber auch Überschläge, Knochenbrüche und Ärgeres bedeuten.

Egal! Jutta Kleinschmidt jedenfalls hat dem sandigen Querfeldeintreiben ihre ganze Seele verschrieben. 1987 fährt die 25-Jährige erstmals mit. Inoffiziell und nebenher, mit einem Motorrad, das sie im Wohnzimmer wüstentauglich hergeschraubt hat. Danach gibt es nur noch ein Ziel: Rallyeprofi werden, Teil einer Legende sein, einmal Paris-Dakar gewinnen. Und weil das Wünschen ohne Tun nirgendwo ankommt, riskiert sie alles: Sie schmeißt den Job als Entwicklungsingenieurin bei BMW, wechselt auf Geländewagen, baggert Sponsoren an, ackert sich hoch, brettert Jahr um Jahr durch die Wüste, ergattert einen Vertrag bei Mitsubishi und boxt sich 1999 bis auf Platz 3 der Gesamtwertung vor.

Das Rennen ihres Lebens

Kleinschmidt hat es aufs Treppchen geschafft. Als die 23. Paris-Dakar im Januar 2001 startet, räumt ihr trotzdem niemand echte Siegeschancen ein. Alles läuft auf einen Kampf zwischen den favorisierten Platzhirschen hinaus:

19 Tage beherrschen der Japaner Masuoka, der Franzose Schlesser und der Spanier Servia das Rennen. Am Morgen der vorletzten Etappe liegt Kleinschmidt auf Rang 4, der Japaner führt. Schlesser und Servia wissen, dass es ums Ganze geht, und beide spielen falsch. Sie starten vorzeitig, hoffen, dass der Betrug mit ein paar Strafminuten abgetan ist. Das Testosteron kocht, eine grimmige Jagd beginnt. Servia wagt zu viel, schreddert Achse und Lenkung. Auch Masuoka hat Pech. Der Versuch, am Franzosen vorbeizuziehen, kostet ihn die Radaufhängung und wertvolle Zeit. Am Abend ist Schlesser Erster, Kleinschmidt Zweite, Masuoka Dritter.

Es scheint gelaufen, dann platzt die Bombe: Das Renngericht brummt Schlesser und Servia je eine Strafstunde auf. Der Spruch stellt alles auf den Kopf. Kurz vor Schluss geht die Deutsche hauchdünn in Führung. So knapp war es nie! Jetzt kommt es auf das Finale an, auf die letzten 25 Kilometer bis Dakar. Und Jutta Kleinschmidt fährt das Rennen ihres Lebens! Am 21. Januar 2001 gewinnt sie als erste Frau das ruppigste Geländerennen der Welt.

Das Geschlechterding kratzt sie allerdings wenig. "Ich fahre Rallyes", sagt sie, "aber nicht gegen die Männer, nicht für die Frauen, sondern nur für mich selbst. Das alleine zählt."


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