Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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14. Februar 1929 Braune Bananen - Josephine Baker darf in München nicht mehr tanzen

Fünf Abende soll sie in Münchens Deutschen Theater tanzen: Josephine Baker, "die bronzene Venus", "die schwarze Perle", "die kreolische Göttin". Die Weltstadt mit Herz ist begeistert - oder entsetzt. V.a. die Nazis. Vor denen knickt knickt die Polizeidirektion ein und verbietet Bakers Auftritte. Autor: Simon Demmelhuber

Published at: 14-2-2023 | Archiv

14.02.1929: Braune Bananen - Josephine Baker darf in München nicht mehr tanzen

14 Februar

Dienstag, 14. Februar 2023

Autor(in): Simon Demmelhuber

Sprecher(in): Irina Wanka

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Becken schäumen, Rhythmen stampfen, Trommeln hämmern, Blech bäumt sich auf. Und mitten drin sie: wunderschön, knospenjung, bergbachquirlig - Josephine Baker, die schwarze Venus, der Superstar aus den Pariser Folies Bergères. Sie wirbelt, lässt den Hintern kreisen, die Pobacken beben; alles an ihr federt, schwingt, schleudert, schlenkert zum Walkwerk röhrender Jazzmusik. So ausgelassen körper- und lebensfroh, so augenzwinkernd raffiniert hat noch niemand mit weißen Afrikaträumen gespielt. Sie rollt die Augen, rollt die Hüften, schaukelt vogelleicht durch die Urwaldnacht des Bühnenbilds, trägt nichts als blinkenden Strass und Perlen, tanzt und springt, bis das Wippen der Plüschbananen ihres gürtelschmalen Röckchens das Publikum hoffnungslos auswildert.

Verteufelte Göttin

In Paris, in London, Kopenhagen, Amsterdam, Berlin, überall sind ihre Bühnenshows auf Monate ausverkauft. Und jetzt kommt das Tanzwunder, kommt die Göttin der Tanzlust nach München! Hans Gruß, Inhaber und Direktor des Deutschen Theaters, hat die Baker für fünf Abende nach Bayern geholt. Die Druckerschwärze der Ankündigung glänzt noch feucht, aber schon geht es los! Schon spucken Raunzer und Vergrämte rassistisches Gift, schon schließen Soutanenträger, Brauchtumsretter, Braunhemdschläger und Anstandshüter die Empörungsreihen dicht.
Genau wie letztes Jahr, als Hitlerleute die Jazzoper "Jonny spielt auf" durch Geplärr, Radau, Niespulver und Stinkbomben störten. Und jetzt droht schon wieder der Untergang des Abendlandes, drohen - Zitat - "Kulturverfall" und "Kulturschande" durch "Vernegerung", durch seelenzersetzendes Jazzgeheul und heidnisches Herumgehopse.
Und genau wie letztes Jahr krakelen nationalsozialistische völkische, erzklerikale und anderweitig wutbewegte Kampfbünde schon wieder von heiliger Pflicht, gesundem Volkszorn, arischer Gegenwehr.

Reizendes Bauern-Athen

Hans Gruß kennt den braunen Schmäh. Er weiß, wie der Gully stinkt und er pfeift drauf. Die Verträge sind ja längst geschlossen, die Plakate gedruckt, die Bühne steht, in zwei Tagen ist Premiere! Doch dann platzt die Bombe. Am 14. Februar 1929 bläst die Polizeidirektion München plötzlich alle Vorstellungen Josephine Bakers ab. Die Darbietungen einer – so wörtlich - "Vertreterin des obszönen Negertanzes, die sich nackt, nur von einem Gehänge aus künstlichen Bananen umgürtet, in einem Taumel der Sinnlichkeit austobt", könnten den öffentlichen Anstand und die öffentliche Ordnung verletzen. Dieser Eventualität, so die weitsichtige Behörde, gelte es entschlossen vorzubeugen.

O mei Minga, du dalkerte, ung'lernte Weltstadt! Die Häuser sind dir eh alleweil z'hoch, die Künste selten süffig genug, die Fremden stets zu fremd und die Maßerl immer zu teuer. Und jetzt lacht auch noch die ganze Republik über dich. Berliner Blätter küren dich zur "dümmsten Stadt Deutschlands", rotzfreche Schreiberlinge verspotten dich als Bauern-Athen. Nur eine hält unverbrüchlich zu dir: "Nirgends", sagt Josephine Baker, als sie 1953 schließlich doch noch im Deutschen Theater gastiert, "nirgends gibt es so ein reizendes Publikum wie hier in München".


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