Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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17. September 1844 Heinrich Heine schreibt Vorwort zu "Deutschland ein Wintermärchen"

Es war eben gar nicht vieles in Ordnung, damals, fand Heinrich Heine und träumte in seinem satirischen Versepos "Deutschland. Ein Wintermärchen" den Traum von einem demokratischen Deutschland. Autorin: Brigitte Kohn

Stand: 17.09.2020

17 September

Donnerstag, 17. September 2020

Autor(in): Brigitte Kohn

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Der Dichter Heinrich Heine, als "des freien Rheins noch freierer Sohn" 1797 in Düsseldorf geboren, liebte Deutschland. Und am meisten liebte er die Vorstellung, das Land seiner Herkunft könne sich im Schulterschluss mit anderen europäischen Völkern in Richtung Freiheit, Humanität und soziale Gerechtigkeit entwickeln und dadurch zu sich selbst finden. Die Fürstenherrschaft in den deutschen Kleinstaaten stand diesem Traum genauso im Weg wie der aggressive und fremdenfeindliche Nationalchauvinismus der bürgerlichen Opposition. Heine hatte Gegner in sämtlichen Lagern, nicht zuletzt auch deswegen, weil er Jude war. 

"Rosen und Myrten, Schönheit und Lust"

So zog er es vor, 1831 ins "Vaterland des Champagners und der Marseillaise" überzusiedeln; damit hat er Frankreich gemeint. Paris, die schillerndste Metropole Europas, war Heines "Zauberstadt", das "Pantheon der Lebenden". Das Essen schmeckte, die Frauen zeigten sich zugeneigt, und Künstler und Intellektuelle aus vielen Ländern begegneten sich hier. Obwohl das nachrevolutionäre Frankreich sehr viele politische Hoffnungen nicht einlöste, konnte Heine in Paris aufatmen und das Leben genießen. Worauf er großen Wert legte, denn er wünschte er sich und allen Menschen nicht nur Kampf und Anstrengung, nicht nur Brot und soziale Gerechtigkeit, sondern auch "Rosen und Myrten, Schönheit und Lust". So steht es in seinem berühmten Versepos "Deutschland, ein Wintermärchen".

Es stinkt!

Heine schrieb es nieder, nachdem er im Herbst 1843 nach Deutschland gereist war, um seine Mutter wiederzusehen. Die freut sich und kocht für ihn auf, so steht es im Gedicht. Deutschland ist für Heine eher ein Mutterland als ein Vaterland, und an allen Orten, die er besucht, setzt er sich erst mal zu Tisch. In Köln verspeist er Eierkuchen mit Schinken, "und weil er sehr gesalzen war, musst ich auch Rheinwein trinken". Gestärkt von heimatlichen Gaumenfreuden, läuft der exilierte Dichter zur Hochform auf und spießt mit spitzer Feder alles auf, was ihm nicht gefällt:

die preußischen Beamten in Aachen mit dem "eingefrorenen Dünkel" im Gesicht, der reaktionäre Katholizismus in Köln, die rückwärtsgewandte Mittelaltersehnsucht, die biedermeierliche Behaglichkeit, die wie eine bleierne Decke über allem liegt. Hamburgs Schutzgöttin Hammonia nimmt den Dichter mit auf ihr Zimmer und lässt ihn in ihrem Nachttopf Deutschlands Zukunft schauen: Sie stinkt gewaltig.

Heine reist zurück nach Paris, und zwar "ohne zu flennen", wie es im Vorwort steht, das er am 17. September 1844 unterzeichnet hat. Schließlich sei er ein Freund der Franzosen und aller Menschen, "wenn sie vernünftig und gut sind". Und dann bricht geradezu hymnisch sein Traum vom künftigen Deutschland aus ihm heraus, ein schöner Traum, wie ihn so wohl nur die Exilierten und Außenseiter träumen können: ein Traum von Deutschland, das "den Gott, der auf Erden im Menschen wohnt, aus seiner Erniedrigung" rettet und  die schwarzrotgoldene Fahne als "Standarte des freien Menschtums" schwingt.  Es tut weh, das zu lesen, wenn man weiß, was 100 Jahre später geschehen ist; doch wirken auch die Träume der Dichter in der Geschichte der Völker, auch so viel steht fest.


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