Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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31. Juli 1991 Harry Potter hat Geburtstag

Es ist der 31. Juli 1991, Harry Potters elfter Geburtstag, der Tag, an dem er erfährt, wer er wirklich ist. Ein Schicksalsgenosse von Ödipus, Oliver Twist, Hamlet… Autorin: Julia Devlin

Stand: 31.07.2020 | Archiv

31 Juli

Freitag, 31. Juli 2020

Autor(in): Julia Devlin

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Es ist etwas Besonderes an Waisenkindern. Zumindest in der Literatur. Denn Waisenkinder haben viele Vorteile - zumindest in der Literatur: keine Eltern, die einen herumkommandieren. Keine Geschwister, die einen nerven. Problematisch sind allenfalls die Stiefeltern, die einen herumkommandieren. Oder die Stiefgeschwister, die einen nerven, und außerdem von den Stiefeltern bevorzugt werden. Aber das Waisenkind hat, allen Widrigkeiten zum Trotz, einen Trost: Dass die richtigen Eltern jeglicher irdischere Fehler entrückt sind. Eine wunderbare Projektionsfläche für Träume und Sehnsüchte. Und wer weiß, vielleicht sind sie gar nicht tot, sondern kommen eines Tages in all ihrer Macht und Herrlichkeit, holen das arme Waisenkind zu sich und machen alles, alles wieder gut. Oder wenn nicht die Eltern, so zumindest der Onkel oder der Vormund oder der Testamentsvollstrecker. Hauptsache, irgendjemand erkennt, wer das Waisenkind eigentlich ist, und setzt es in seine angestammten Rechte wieder ein.

Universales Menschheitsthema

Das ist ein uraltes Thema, so dass unser literarisches Waisenhaus mit Halb- und Vollwaisen gut besetzt ist: Oliver Twist, Tom Sawyer, Aschenputtel, Bo und Prosper, Jane Eyre, Peter Pan, Pipi Langstrumpf, Parzival und Hamlet, um nur einige zu nennen. Sogar ein Vertreter aus dem Tierreich findet sich hier, ein hässliches Entlein nämlich, dessen Eltern, wie sich nach vielem Spott durch die dummen Enten herausstellt, wunderschöne Schwäne sind. Aber noch weiter in der Literaturgeschichte geht es zurück, bis zu den Mythen der alten Griechen. Da werden Kinder ausgesetzt, von Hirten aufgezogen, und kaum sind sie aus dem Gröbsten raus, entpuppen sie sich als Prinz oder Prinzessin. So sehr scheint das verkannte Waisenkind ein universales Menschheitsthema zu sein, dass Sigmund Freud ein wiederkehrendes Motiv darin erblickte. Er zog es heran, um die Entwicklung der Eltern-Kind-Beziehung zu beschreiben. "Familienroman" nannte er das, und er ließ darin ein berühmtes Findelkind eine Rolle spielen. Ja genau, Ödipus, dich kennen wir ja auch aus unserem Waisenhaus.

Kaum zu glauben

Ach, und da ist ja unser Neuzugang. Potter, Harry James. Vollwaise. Klassische Geschichte: Nach dem Tod der Eltern zu Onkel und Tante gegeben, die ihn schlecht behandeln, ihren eigenen dummen und fetten Sohn hingegen verwöhnen. Zehn Jahre geht das so. Da taucht ein Bote aus einer anderen Welt auf, aus der Welt, zu der Harry eigentlich gehört. Und nun erfährt der arme Junge endlich, wer er wirklich ist. Irgendwas geahnt hatte er ja schon immer. Aber dass er gleich berühmt sein soll, weil er einen tödlichen Anschlag überlebt hat, und weil seine Eltern hochbegabte Zauberer waren, das hätte er nun doch nicht geglaubt.

Endlich kann er seine Stieffamilie verlassen, sein Erbe antreten, und er beginnt die ihm zugedachte Ausbildung an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei. Der Wendepunkt ist Harrys elfter Geburtstag. Der Überbringer der Neuigkeiten und einer halb zerdrückten Schokoladentorte ist ein unzivilisierter, aber gutmütiger Halbriese. Es ist der 31. Juli 1991. Happy Birthday, Harry.


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