Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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28. Februar 1947 Harold Norman fällt dem Macbeth-Fluch zum Opfer

Mit Shakespeares "Macbeth" betritt der folgenschwerste Fluch der Theatergeschichte die Bühne. Als erstes erwischt es den Jüngling, der in der Uraufführung die Lady Macbeth geben soll. Tote, Verletzte, Katastrophen folgten von da an dem Stück auf dem Fuß - denn die Sprüche de Hexen seien echte Zauberformeln, heißt es. Autor: Simon Demmelhuber

Published at: 28-2-2023 | Archiv

28.02.1947: Harold Norman fällt dem Macbeth-Fluch zum Opfer

28 Februar

Dienstag, 28. Februar 2023

Autor(in): Simon Demmelhuber

Sprecher(in): Christian Baumann

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Was für ein Drama! Düster, voll dunkler Raserei, Gewalt und Verhängnis. "Macbeth" von William Shakespeare schwitzt Blut und brütet Finsternis. Der Titelheld, ein Lehnsmann des schottischen Königs, verfängt sich in den Stricken dreier Hexen, die ihm Macht und Herrschaft, aber auch Gefahr und Untergang verheißen. Macbeth greift gierig nach der Krone, häuft Mord auf Mord und Untat auf Untat, sät Furcht und Entsetzen, misst allen Jammer aus, bis ihn zuletzt Macduff im Zweikampf niedersticht.

Unheilsschwestern, Hand in Hand ...

Verflucht aber ist nicht nur der Mörder Macbeth, verflucht ist das ganze Stück. Höllische Mächte haben die Tragödie verhext, weil Shakespeare in den Zauberszenen echte Beschwörungen eingewoben und ausgeplaudert hat. Alle Theaterleute kennen den Fluch, alle wissen, was zu tun und besser zu lassen ist: Niemand, der bei Verstand ist, spricht im Theater vor oder nach einer Vorstellung den Namen des Stücks und seines verruchten Helden aus. Passiert es trotzdem, verlässt der Frevler sofort das Haus, dreht sich dreimal im Kreis, spuckt über die linke Schulter, zitiert aus "Hamlet", vorzugsweise die Verse "Engel und Diener der Gnade steht uns bei" oder stößt die denkbar ärgsten Gegenflüche aus.

Ah, ihr lacht, zieht aufgeklärt die Brauen hoch, tuschelt "Aberglaube!", "Unfug!", "Kokolores!" und fordert Beweise. O, die gibt es, es gibt sie zuhauf. Das verwünschte Stück zieht eine Blutspur abgründiger, unheilvoller Geschehnisse durch die Theatergeschichte, die ihresgleichen sucht: Schauspieler und Schauspielerinnen erblinden, erlahmen oder verlieren die Stimme; sie fallen von der Bühne, werden durch ungesicherte Waffen, Kulissentrümmer und stürzende Scheinwerfer verletzt; sie erleiden Herzattacken, Stromschläge und Verbrennungen.
Vielen nimmt der Fluch das Leben, viele sterben durch eigene oder fremde Hand, andere kommen mit Knochenbrüchen, Zahnlücken und abgehackten Daumen eher glimpflich davon.

Unheil, Verfall und Tod

Wie? Das schreckt euch nicht? Ihr lacht noch immer? Nehmt euch in Acht, ihr Klügler! Denkt an Harold Norman, den beklagenswerten Witzling, der einst im Londoner Oldham Theatre den schottischen Mörder spielte. Auch Harold wusste Bescheid, auch er war gewarnt. Trotzdem gibt er den Spötter, zitiert ruchlos die verhexten Zauberverse, ruft lästernd den verwünschten Namen aus, verhöhnt und reizt den Fluch, wo immer er kann.

Das geht lange gut, aber nicht endlos. Ende Januar 1947 hat das Omen ausgescherzt. Macduff hat Macbeth soeben in der Schlussszene gestellt, zum Duell gefordert und holt zum Todesstreich aus. Eigentlich soll die Klinge des Theaterdolchs in den Griff zurückgleiten. Doch der Mechanismus streikt, das Eisen bohrt sich spitz und gehässig in Normans Brust. Der sprudelt Blut, schleppt sich ins Dunkel der Seitenbühne, flüstert "mich hat's erwischt". Vier Wochen lang ringt er um sein Leben. Umsonst! Am 28. Februar 1947 ist Harold Norman tot.
Das letzte Wort in dieser Sache gebührt Macbeth. Der sagt bereits im ersten Akt, was hier als Nachruf einzig angemessen scheint: "Mag diese Unglücksstunde verflucht auf ewig im Kalender steh'n!"


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