Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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23. Dezember 1893 "Hänsel und Gretel" uraufgeführt

Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel" ist eine der populärsten Opern des Repertoires. Alljährlich füllt die Kinderoper zur Adventszeit Parkett und Ränge. Autor: Markus Vanhoefer

Stand: 23.12.2019 | Archiv

23 Dezember

Montag, 23. Dezember 2019

Autor(in): Markus Vanhoefer

Sprecher(in): Christian Baumann

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Es war eine Premiere mit Konsequenzen. Doch selbst wenn der überwältigende Erfolg der Kinder-Oper und der sich anschließende Siegeszug durch Deutschlands Theater sogar Fachleute überraschte, völlig unerwartet kam er nicht.

Eine Märchenoper

Die Partitur von Engelbert Humperdincks"Hänsel und Gretel" war eine Komposition mit einem gewaltigen Potential. Das lag bereits vor der Uraufführung des "Märchenspiels in drei Bildern" in der Luft. Immerhin hatten sich drei renommierte Opernhäuser darum beworben, das Werk aus der Taufe zu heben. Den Zuschlag hatte zunächst München erhalten, wo sich jedoch Terminschwierigkeiten einstellten. Die zweite Wahl war Karlsruhe gewesen. Dort kam es aufgrund von Erkrankungen zu Verzögerungen. Und so erhielt Weimar die Ehre, Humperdincks Oper zum ersten Mal auf die Bühne bringen zu dürfen.

Als sich am Nachmittag des 23. Dezember 1893 im Hoftheater der Goethe-Stadt der Vorhang hob, stand der amtierende Hofkapellmeister am Dirigentenpult. Dies war kein geringerer als der 29-jährige Richard Strauss, der mit Kompositionen wie "Tod und Verklärung" bereits seine ersten großen Schritte Richtung Weltkarriere gemacht hatte.

Engelbert Humperdinck wird an jenem Premierentag das eine oder andere Mal geschmunzelt haben, vor allem, wenn er an die Ursprünge seines Werks zurückdachte. Was nun auf der großen Opernbühne glänzte, hatte als Privatvergnügen im gutbürgerlichen Wohnzimmer begonnen.

Ein Rückblick: Im Jahr 1890 hatte Humperdincks jüngere Schwester Adelheid, verheiratete Wette, ein kleines Theaterstück nach dem Märchen der Gebrüder Grimm geschrieben, das im familiären Kreis aufgeführt werden sollte. Dafür dichtete sie einige Kinderliedertexte, die ihr Bruder auf ihre Bitte vertonte.

"Kinderstubenweihfestspiel"

Die Begeisterung der Familie über das Ergebnis war so riesig, dass die beiden Geschwister beschlossen, mehr aus ihrem Gelegenheitsprojekt zu machen. Adelheid verfasste ein Libretto, Engelbert komponierte eine anspruchsvolle Musik, die eine volksliedartige Melodik mit einem "erwachsenen" Orchesterklang verband.

Für Humperdinck wird die Arbeit an "Hänsel und Gretel" zu einem Akt der künstlerischen Selbstfindung. Allzu lange hatte er als einer der talentiertesten Musiker seiner Generation gegolten, dem der entscheidende Durchbruch einfach nicht gelingen wollte. Er war Richard Wagners Assistent in Bayreuth gewesen und hatte sogar dessen Sohn in Kompositionslehre unterrichtet.  Der Einfluss des Nibelungen-Meisters war jedoch so übermächtig gewesen, dass es Humperdinck schwergefallen war, eine eigene musikalische Sprache zu finden.

 Dies gelang ihm erst mit "Hänsel und Gretel". Das mag der Grund sein, warum er seine Märchenoper in Anklang an Wagners "Parsifal" manchmal leicht ironisch "Kinderstubenweihfestspiel" nannte.   


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