Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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6. Juni 1727 Händels "Rival Queens" geraten sich in die Haare

Die zwei größten Operndiven ihrer Zeit gleichzeitig auf einer Bühne. Stoff von Legenden - nicht die dargebotene Kunst, sondern die üblen Beschimpfungen und Tätlichkeiten der Rival Queens auf offener Bühne. Autor: Simon Demmelhuber

Stand: 06.06.2019 | Archiv

06 Juni

Donnerstag, 06. Juni 2019

Autor(in): Simon Demmelhuber

Sprecher(in): Caroline Ebner

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Aufmerksamkeit ist ein mächtiger Hebel. Sie weckt Wünsche, öffnet Herzen und Geldbeutel. Aber sie ist unstet, sprunghaft, will immerfort erkämpft, gehätschelt und gepäppelt sein. Georg Friedrich Händel ist der launischen Diva ausgeliefert. Um Kundschaft in sein Londoner Opernhaus zu locken, muss er immer wieder Aufsehen erregen, muss ständig neue Attraktionen, Reißer und Superlative liefern. Auf der Jagd nach frischen Reizen gelingt ihm 1722 ein echter Coup: Er holt Francesca Cuzzoni nach London. Die Sopranistin ist ein umjubelter Megastar, hofiert, gefeiert, höllisch teuer, kapriziös und doch die absolute Göttin des Opernolymps.

Zwei Diven…

Drei Jahre lang ist la Cuzzoni ein unfehlbarer Publikumsmagnet. Dann hat sich der Köder verbraucht, ein neuer Knüller muss her. Händel schafft das Kunststück und verpflichtet die in ganz Europa umjubelte Sopranistin Faustina Bordoni für die kommende Spielzeit. Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe: Die beiden größten Sängerinnen der Zeit, die schärfsten Rivalinnen im Wettstreit der Wunderstimmen gemeinsam auf einer Bühne! Da braut sich was zusammen, das knistert und sprüht, das riecht nach Catfight, nach Zank und Zoff der Diven.

…und ihre Heere.

Anfangs geraten sich die Primadonnen nicht ins Gehege. Händel achtet penibel auf Gerechtigkeit, misst beiden gleichwertigen Arienprunk und Rollenglanz mit unbestechlicher Feinwaage zu. Aber im Publikum gärt es. Hinter den Sängerinnen sammeln sich verfeindete Fanblocks. Cuzzonisten und Faustianer bekriegen sich lautstark, pfeifen, zischen, buhen jeden Auftritt, jedes Solo der Gegenpartei gnadenlos nieder. Für den Funken, der das Pulver zündet, sorgt Giovanni Battista Bononcinis Oper Astianatte. Der Komponist hat den Stoff klug gewählt. Faustina und Francesca stehen sich als Andromaché und Hermione todfeindlich gegenüber. Große Gefühle, Liebe, Hass, Wut und Verzweiflung krachen ungebremst aufeinander. Die Schlacht kann beginnen, die Heere sind bereit.

Astianatte steht auch am 6. Juni 1727 auf dem Programm. Es ist die letzte Vorstellung der Saison, und von Anfang an brennt die Luft. Aufgepeitscht vom Rollenkonflikt, angestachelt vom Publikum, steuern die Heroinen auf eine Vernichtungsorgie zu. Im dritten Akt kommt es zum Showdown: Zwei zum Bersten volle Magmakammern entladen sich presto furioso. Erst hagelt es Koloraturgranaten, Triller und Tremoloattacken, dann sprechen die Fäuste. Die Damen schimpfen sich Miststück und Hure, sie kratzen, beißen, treten, schlagen, zerraufen sich Haare und Kleider. Da ist nichts zu retten, die Aufführung endet im Tumult.

Der Skandal schlägt hohe Wogen, schadet aber niemandem. Ganz im Gegenteil: Das Theater macht Kasse, die Rival Queens können sich vor Engagements nicht retten. Ob Händel den Eklat kalkuliert und gefördert, ob die Presse den Streit nachträglich verzerrt und aufgebauscht hat - wen juckt es? Wahr ist die Geschichte allemal. Weil sie vom Geist der Oper erzählt: von Wahnsinn, Pathos, Leidenschaft, von Momenten schieren Glücks, von Gänsehaut, Fülle des Wohllauts und reiner Verzückung. Kurz: La Cuzzoni e la Bordoni per tutta l'eternità!


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