Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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28. September 1786 Goethe missbilligt Markusdom in Venedig

Mancher Urlaubsauftakt gerät anders als erwartet: Was ist Dichterfürst Goethe am Anfang seiner Italienreise enttäuscht von der engen, schmutzigen "Biberrepublik" Venedig ... mit dem hässlichen Markusdom! Autorin: Prisca Straub

Stand: 28.09.2018 | Archiv

28 September

Freitag, 28. September 2018

Autor(in): Prisca Straub

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Es ist ein spektakulärer Sonnenuntergang - wie zur Begrüßung leuchtet die berühmte Lagunenstadt für ein paar Minuten in Zartrosa. An Bord einer Gondel legt Johann Wolfgang von Goethe am Markusplatz in Venedig an, was für ein erhebender Moment: Es ist der 28. September 1786 - der Dichter steht noch am Beginn seiner Italienischen Reise.

In seiner Unterkunft empfängt man den berühmten Autor mit vollendeter Etikette. Doch Goethe ist ungeduldig: Endlich ist er in Italien, am Ziel seiner Sehnsüchte - und wirft sich ins nächtliche Getümmel! Doch ach! - Wie ist diese "Biberrepublik" doch unkomfortabel. Die Gassen so schmal, dass man sich "die Ellbogen stößt"! - Und die Venezianer? - "Du lieber Gott, wenn sie ihre Stadt nur reinlicher hielten!“, so jammert er in sein Tagebuch. Der Beamte aus Weimar ist ernüchtert.

Nun, Venedig ist für ihn ja nur ein Zwischenstopp. Goethe drängt es nach Rom, nach Sizilien - zu den, wie er meint, Geburtsstätten der Antike. Zu Säulengängen, mächtigen Tempeln, Marmorfriesen und Triumphbögen. Er will seine Idealvorstellungen von klassischer Vollkommenheit endlich in Stein verewigt sehen.

Kolossaler Taschenkrebs!

Die Republik Venedig jedoch - von jeher erpicht auf Unabhängigkeit vom römischen Westen - hat da nicht viel zu bieten. Die Lagunenstadt war stets nach Osten orientiert, nach Byzanz. Mit dem goldenen Reich am Bosporus trieb man Handel, von dort holte man die großen Baumeister und Spezialisten für Mosaikkunst. Doch für diese ihm fremde, orientalische Pracht hat Goethe keinen Blick. Seine "klassische Brille" macht ihn blind: Piazza San Marco? Kaum der Rede wert! - Der Markusdom? Das weltberühmte Staatsheiligtum mit den fünf massiven Portalen unter goldverzierten Bögen? - Für den Weimarer Klassiker ein "ungeheures Schalentier" - ein "kolossaler Taschenkrebs". Was für ein missratener Bau!

Und nicht nur die Fassade stößt den Dichter ab. Innen, im majestätischen Halbdunkel bewahren die Venezianer der Legende nach die Gebeine ihres Stadtheiligen auf, des Heiligen Markus. Goethe ist durchaus bekannt, unter welch dubiosen Umständen die Reliquie des Evangelisten im Jahr 828 in die Lagune geschmuggelt worden war: versteckt zwischen zwei Schweinehälften! - In dieser abstoßenden Verpackung konnte der Heilige unbehelligt aus dem muslimischen Alexandria in die Serenissima verschifft werden. Dort sorgte er für explodierendes Selbstbewusstsein und wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Verkohlter Evangelist?

So war es dann eine Katastrophe, als der erste Markusdom rund 150 Jahre später komplett niederbrannte. Und natürlich war es ausgeschlossen, dass der wertvolle Leichnam danach unauffindbar blieb. Ein verkohlter Evangelist? Da kam der himmlische Fingerzeig: Gleich nach Vollendung des Dom-Neubaus und dreitägigem Beten birst eine Säule neben dem Altar - und - oh, Wunder! - aus dem Inneren hervor schießt der Arm des vermissten Heiligen - und winkt! Halleluja!

Wir wissen nichts über den abschätzigen Gesichtsausdruck, mit dem Goethe diese Legende zur Kenntnis genommen hat. Den Dichter zieht es ohnehin bald weiter. Seine knappe Bilanz: Der Markusdom? "- Jeden Unsinn wert, der jemals drinne gelehrt oder getrieben sein mag!"


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