Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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17. August 1945 George Orwells "Animal Farm" erscheint

Eine Revolution, ein Aufstand der Tiere und eine dystopische Fabel in der sich Schweine als echte Schweine erweisen: George Orwells "Animal Farm". Autor: Thomas Grasberger

Stand: 17.08.2018 | Archiv

17 August

Freitag, 17. August 2018

Autor(in): Thomas Grasberger

Sprecher(in): Caroline Ebner

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Menschen mit Tieren zu vergleichen – das wird immer wieder gern gemacht, ist aber alles andere als unproblematisch. Denn oft sind solche Vergleiche wenig schmeichelhaft und auch keineswegs wohlwollend gemeint. Das Bairische zum Beispiel kennt den äußerst anschaulichen Ausdruck "Sauschädel". Ein Begriff, der auf zweibeinige Zeitgenossen angewandt, ganz schnell einmal gerichtsmassig werden kann, zwengs Beleidigung. Dabei kommt es natürlich immer auf das Tier an, das zu Vergleichszwecken herangezogen wird. Nur selten wurde einer verklagt, der seine Nachbarin als – sagen wir einmal – Libelle bezeichnet hat. Bei Krampf-Henna oder Filzlaus hingegen steigt die Wahrscheinlichkeit einer Strafanzeige. Schwierig ist es auch bei Wörtern wie Heuschrecke, Datenkrake oder Immobilienhai.

Große Schweine

Es herrscht im Tierreich also offenbar eine gewisse Hierarchie, eine Art juristisches Gefälle; zumindest von außen betrachtet, also vom Menschen her. Schwer vorstellbar ist es hingegen, dass ein Schabrackentapir ein Eichhörnchen verklagt, nur weil dieses ihn als Zwergnashorn beschimpft hat. Aber wer weiß, vielleicht gibt es solche Narreteien auch unter Viechern. Ganz auszuschließen ist es nicht.

Der menschliche Blick aufs Tierreich jedenfalls ist seit jeher wertend, wenn auch nicht überall gleichermaßen. In Thailand etwa kann ein junges Mädchen durchaus liebevoll mit dem Spitznamen "Schwein" versehen werden, was hierzulande undenkbar ist. Schweine gelten bei uns zwar als klug, aber nur selten stehen sie als Symbol für anständige, aufrechte und ehrenhafte Wesen. Das mag ungerecht erscheinen, ist aber gängige Praxis.

Deshalb wusste der englische Schriftsteller George Orwell auch ganz genau, warum er ein Schwein zum Oberschurken in seinem Buch "Farm der Tiere" ernannte. Als das Original unter dem Namen "Animal Farm" am 17. August 1945 erschien, da war der Zweite Weltkrieg erst wenige Wochen vorüber.

Und der Hauptverantwortliche, der von vielen als größtes Schwein der Weltgeschichte beschimpft wurde – und bis heute wird –, der hatte sich gerade aus dem Leben gestohlen. Ein anderer Diktator aber lebte noch, und herrschte als Führer der Sowjetunion über die halbe Menschheit. George Orwell, selbst ein gläubiger Sozialist, der im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft und die Perversion des Stalinismus erfahren hatte, wollte mit seiner Geschichte erklären, wie es dazu kommen konnte, dass aus einer an sich guten Idee ein totalitärer Alptraum geworden war.

Alle Tiere werden Brüder?

Orwell wählte dafür die Fabel: Auf einer englischen Farm erheben sich die Tiere gegen die Herrschaft des versoffenen und ausbeuterischen Bauern Jones. Alle Tiere werden fortan Brüder, so lautet das revolutionäre Versprechen. Aber bald schon übernehmen die klugen Schweine mehr und mehr die Führung und errichten am Ende eine Gewaltherrschaft, die schlimmer und grausamer ist als jene zuvor. George Orwell hatte mit seinem Buch eine Parabel auf die Geschichte der Sowjetunion geschrieben, von der Februarrevolution über die Oktoberrevolution bis zum stalinistischen Terror. Und mehr noch: Er hat mit Animal Farm" ein Werk der Weltliteratur hinterlassen. Ein Lehrstück über die Macht und ihren Missbrauch. Kurzum, in Bayern würde man sagen: A Hund war er fei schon, der Orwell George.


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