Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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19. Oktober 1959 Geburt der Diskothek in Aachen

Am 19. Oktober 1959 eröffnete in Aachen die erste Disco, in der der Plattenspieler Hits aus dem Radio zum Tanzen spielte. Gute Idee. Erster Discjockey war ein Opernsänger. Nicht so gute Idee. Autorin: Susi Weichselbaumer

Stand: 19.10.2018 | Archiv

19 Oktober

Freitag, 19. Oktober 2018

Autor(in): Susi Weichselbaumer

Sprecher(in): Krista Posch

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Begebenheiten aus der bayerischen Historie: Ein erster Abend in der Aiblinger Eisdisco. Zutritt ab 13. Nicht Uhr, sondern Jahren. Sie ziehen zu bunten Lichtern und "I have been looking for freedom" die gleichen Kreise wie beim Nachmittagseislauf. Der Typ an ihrer Hand ist glührot im Gesicht und spricht nicht. Ist er schüchtern? Gibt er sich geheimnisvoll? Wie er wohl heißt? Um Punkt fünf Minuten vor viel zu früh neun holt sie der Papa ab - vor allen Leuten. Darauf redet sie nichts mehr - mit ihrem Vater. Der interpretiert dieses Schweigen falsch. Und zwar als Überforderung ob ersten Erfahrens diskothekären Geschehens. Warum man bei solchen Veranstaltungen als Frau früh gehen muss, nicht trinken darf, was einem einer hinstellt, und nie wo mitfahren soll, führt er aus an Beispielen aus der Rubrik "Im Fasching in Rott in der Sporthalle. Damals". Die Mutter springt ihm bei und erinnert an - im Ansatz verwegene - Abende beim "Tanz in Wanglbach". Auch damals.

Wasser im Saal

Franzkarl Schwendinger würden solche Discogeschichten sicher freuen. Der Restaurantbesitzer hat die Disco nämlich erfunden. In Aachen. 1959. Die Idee dahinter ist simpel: Statt wie üblich Live-Bands spielen zu lassen, könnte man doch Schallplatten auflegen mit bekannten Liedern aus dem Radio. Schwendinger tauft seinen Laden in "Jockey Tanz-Bar" um und eröffnet am 19. Oktober 1959 die vermutlich erste Discothek der Welt mit Plattenmusik, die eben keine Kapelle ersetzen soll, sondern den Hitparaden folgt. Allerdings tut sich der für den Premierenabend engagierte Opernsänger aus Köln schwer - weder seine Musikauswahl, noch die gediegenen Kommentare kommen beim Publikum an. Eigentlich will der Nachwuchsreporter einer Aachener Zeitung nur über die Veranstaltung berichten. Jetzt schnappt sich Klaus Quirini das Mikrofon des Opernsängers und gleich die erste Ansage löst Beifallsstürme aus: "Meine Damen und Herren, wie krempeln die Hosenbeine hoch und lassen Wasser in den Saal, denn ein Schiff wird kommen mit Lale Andersen."

In der Folge wird Klaus Quirini Deutschlands erster moderierender Discjockey. Sein Pseudonym: "DJ Heinrich"; nach dem Schlager von Trude Herr "Oh Heinrich, ich hab nur Dich". Mit einem gewaltigen Schweizer Plattenspieler und einem Shure-Mikrofon heizt Heinrich ein. Aus der "Jockey Tanz-Bar" wird der später legendäre "Scotch Club", mit dunklen Holzmöbeln und Sitzgarnituren in Schottenkaro. Udo Jürgens, Peter Maffay, The Rattles und Giorgio Moroder beginnen hier ihre Karriere. Frank Elstner und Udo Lindenberg müssen schon mal draußen bleiben. Die Türsteher kennen keine Gnade: Herren nur mit Krawatte, Damen bloß im Petticoat oder Rock. 

Der Vater mahnt trotzdem

Damit wären wir beim eigentlichen Disco-Prinzip: Die einen gehören rein, die anderen nicht. Die Frage ist bloß, wann einem das selber auffällt. Denn irgendwann ist es rum. Alle sind jünger. Das "Flip 2000" heißt von heute auf morgen "Party Parc" - mit "c" - und man fragt dich, warum eigentlich mit "c"? Und fährt vorbei. Ein paar Jahre später ist das "c" weg, ein Gebrauchtwagenhändler drin. Der Typ an ihrer Hand hat jetzt einen Namen. Der Vater gemahnt trotzdem zur Vorsicht. Väter gemahnen immer zur Vorsicht. Dafür braucht es eigentlich keine Discogeschichten.


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