Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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3. Mai 1978 Gary Thuerk verschickt erste SPAM-Mail

Zunächst findet Gary Thuerk seine Idee ganz toll: Um Käufer für Computer zu gewinnen, mailt er sie einfach an. Per Massenmail. Die potentiellen Kundinnen und Kunden aber finden das gar nicht gut und fühlen sich belästigt von dieser wohl weltersten SPAM-Mail. Autor: Simon Demmelhuber

Stand: 03.05.2023 | Archiv

03 Mai

Freitag, 03. Mai 2024

Autor(in): Simon Demmelhuber

Sprecher(in): Christian Baumann

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns schützt und hilft zu leben". Das kommt ja wunderbar cremig daher, putzt jedes Poesiealbum auf, ist aber keineswegs ausgemacht. Denn was so ein Start tatsächlich taugt, hängt davon ab, was hinten rauskommt. Mancher Anfang verpufft als Rohrkrepierer, andere verdampfen unterwegs, etliche enden ausgesprochen grob. Exakt so einen Anfang legt Gary Thuerk hin. Was der Marketingchef eines amerikanischen Computerherstellers 1978 in Massachusetts startet, wächst sich Jahre später zu einer echten Landplage aus.

Aller Anfang ist ...

Dabei ist Thuerk kein schlechter Kerl. Er hat nur ein Problem: er soll Computer verkaufen. Und zwar richtig große Kaliber, solche, die an Unis, in Forschungseinrichtungen und beim Militär riesige Schränke füllen. An der Ostküste, wo die Digital Equipment Corporation ihren Hauptsitz hat, läuft das Geschäft. Harvard, Yale, Princeton und andere Eliteschmieden sind verlässliche Dauerkunden. Drüben an der Westküste sieht es anders aus. Da ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Und das, denkt Gary, klappt am besten mit einer Leistungsschau direkt vor Ort.

Hauptsache große Show

Um die neuste Generation moderner Supercomputer wirksam in Szene zu setzen, plant er Ausstellungen in Los Angeles und San Mateo. Hier arbeiten genau die Leute, die er ansprechen will: junge Wissenschaftler und Technikfreaks, die das ARPANET nutzen. Der experimentelle Internet-Vorläufer ist Ende der 1970er Jahre noch ein ziemlich exklusiver Club.

Ganze 2600 Teilnehmer sind angeschlossen und alle brauchen, was Thuerk ihnen schmackhaft machen möchte: Großrechner, die für das vernetzte Arbeiten und den digitalen Informationsaustausch vorgerüstet sind.

So weit, so gut. Aber wie lockt Gary seine Wunschklientel in die Werbeshows? Telefonieren? Briefe schicken? Ach, nö! Zu mühsam und schrecklich old fashioned. Wie dann? Hmmm. Aber klar! Über die elektronischen Adressen im ARPANET! Einfach das gedruckte Mailverzeichnis durchforsten, die interessanten Kontakte herausfischen, eine peppige Einladung basteln - ab geht die Post!

Genau so geschieht es: Am 3. Mai 1978 verschickt Gary Thuerk ungefragt die erste elektronische Massennachricht an 600 ausgewählte IT-Experten. Mit dieser Großtat erfindet er nicht nur die Spam-Mail, er hebt auch gleich noch den digitalen Shitstorm aus der Taufe. Die datenkeuschen ARPA-Mönche reagieren nämlich ausgesprochen biestig und schütten Thuerk mit deftigen Verwünschungen zu. Den wiederum schüchtert die borstige Abfuhr derart ein, dass er seine Mail-Anmache niemals wiederholt.

Muss er auch nicht, das erledigen mittlerweile andere für ihn. Von den täglich mehr als 300 Milliarden Mails, die heute das Netz durchsausen, sind zwei Drittel unerwünschter Spam. Im besten Fall ist der Werbemüll bloß nervig, meist aber bösartig, bisweilen sogar schwer kriminell und trotz aller Verbote nicht auszurotten. Na dann danke, Gary! Auch für die vielen literarischen Highlights der SPAM-Mails: Und bitte sofort lesen dies, geschazter Freund: Exklusive Geschäfte-Vorschlag nur heute, letzte Chance. Braucht aber Kontonummer für überweisen Gewinn. Bitte melden schnell!


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