Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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24. Mai 1943 Franz Exner - zurzeit bester Kriminalbiologe?

Er sei der beste Kriminalbiologe, hieß es am 24. Mai 1943 aus dem nationalsozialistischen Reichsjustizministerium über Franz Exner. Er hatte der "nordischen Rasse“ geringen Hang zum Verbrechen attestiert. Autorin: Brigitte Kohn

Stand: 24.05.2019 | Archiv

24 Mai

Freitag, 24. Mai 2019

Autor(in): Brigitte Kohn

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Die Nationalsozialisten hatten zwölf Jahre lang Zeit, um die Welt zur Hölle zu machen, in einer Weise, die unvorstellbar schien, wenn man nicht wüsste, dass es wirklich so geschehen ist. Sie hatten aber noch mehr vor. Sie hätten, wenn sie den Krieg gewonnen hätten, die ganze Welt mit Vernichtungslagern überzogen und sie mit Abweichlern aller Art gefüllt, egal ob arisch oder nicht. So war es im  "Gemeinschaftsfremdengesetz" geplant, dessen Verabschiedung 1945 allein wegen der Kriegslage nicht zustande kam.

Dieses Gesetz hätte ein totalitäres Sonderstrafrecht begründet, das sich vordergründig betrachtet gegen Bettler, Landstreicher, Obdachlose, Diebe und "Unzüchtige" richtete, im Grunde aber jeden Unangepassten mit Lagerhaft oder Todesstrafe bedrohte. Jeden, der, wie es im Gesetzentwurf heißt, "ein ungeordnetes Leben führt" oder "aus Streitlust den Frieden der Allgemeinheit stört", um nur zwei Abschnitte aus den Gummiparagraphen zu zitieren, die der richterlichen Willkür Tür und Tor geöffnet hätten.

Mit Plan…

Hätten? Nein, haben. Denn um todbringende Maßnahmen gegen sogenannte "Volksschädlinge" aller Art einzuleiten, brauchten die Nazis nicht auf die formelle Verabschiedung dieses Gesetzes zu warten. Das Prinzip des Aussonderns und Ausmerzens war längst wirksam. Und obwohl die Grausamkeit dessen, was die Nazis "Volkspflege" nannten, bereits offen zu Tage lag, gaben sich renommierte juristische Professoren der Universität München dazu her, an der Konzeption des Gemeinschaftsfremdengesetzes mitzuwirken: neben Edmund Mezger, ein überzeugter Parteigenosse und Karrierist, auch Franz Exner, der aus einer traditionsreichen Gelehrtenfamilie stammte und eine jüdische Großmutter hatte. 

Wenig Hang zum Verbrechen…

Exner galt schon in der Weimarer Republik als renommierter und eher fortschrittlicher Vertreter seines Fachs. Das heißt, er ging wie viele Kriminologen seiner Zeit zwar davon aus, dass Menschen aufgrund ihrer genetischen Anlagen zu Verbrechern werden können, aber er billigte auch dem Einfluss der Umwelt und des sozialen Milieus eine maßgebliche Rolle zu. Nun standen aber seit 1933 die Zeichen der Zeit auf Erbgesundheit und Rassenhygiene, und da schien es opportun, das Pendel ein wenig in Richtung der Gene ausschlagen zu lassen. Exner schwadronierte in seinem 1939 erschienenen Hauptwerk "Kriminalbiologie" also linientreu über die geringen Verbrecherzahlen innerhalb der "nordischen Rasse" und den angeblich jüdischen Hang zu Diebstahl, Betrug und Wirtschaftsdelikten. Im Justizministerium hielt man Exner, das belegt ein Brief vom 24. Mai 1943, denn auch für den "zurzeit besten Kenner der Kriminalbiologie" und nahm ihm einige wenige vorsichtige Bedenken hinsichtlich der Dehnbarkeit des Gemeinschaftsfremdengesetzes nicht weiter übel.

Nach dem Krieg ließ Franz Exner sein Hauptwerk jetzt eben ohne Judenkapitel erscheinen und übernahm die Verteidigung des Generaloberst Alfred Jodl bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. Keiner hat Schuld außer Adolf Hitler, argumentierte er, alle anderen waren nur Befehlsempfänger. Jodl wurde trotzdem gehängt. Exner selbst hätte, wie viele seiner noch schlimmer verstrickten Kollegen, in der jungen Bundesrepublik wahrscheinlich weiter Karriere gemacht, wenn er nicht 1947 einem Krebsleiden erlegen wäre.


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