Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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19. November 2002 Erstes Mathematikmuseum in Gießen eröffnet

Mathematik - eine sinnliche Erfahrung? Da schütteln Millionen Schüler müde lächelnd den Kopf. Doch genau ist das Konzept des Mathematikum in Gießen: Mathematik zum Anfassen. Autor: Thomas Grasberger

Stand: 19.11.2020 | Archiv

19 November

Donnerstag, 19. November 2020

Autor(in): Thomas Grasberger

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Als vor einigen Jahren ein renommierter deutscher Verlag ein populärwissenschaftliches Buch über Mathematik herausbrachte, fühlte sich der Autor dieses Kalenderblatts persönlich angesprochen.

Waffenstillstand mit der Mathematik

Was vermutlich am Titel des Werks lag: Die Geschichte der Null. Ein quasi programmatischer Titel, der an die eigene Schulzeit erinnerte, vor allem an die Leistungen im Fach Mathematik. Denn die höchsten Höhen dieser Wissenschaft auszuloten, war dem Kalenderblattautor nie vergönnt. Ein Manko, das ihm allerdings auch nie den Schlaf raubte. Jahrzehntelang lebte er zufrieden mit seinen soliden Kenntnissen in den vier Grundrechenarten und einer gewissen Fertigkeit beim Kopfrechnen im Zahlenraum bis Tausend. Den ganzen mathematischen Rest – bis hin zum Satz des Pythagoras – verdrängte er erfolgreich mit der Weisheit eines anderen Griechen namens Sokrates, der einst gesagt haben soll: Ich weiß, dass ich nicht (sic!) weiß. Fortan also hatten der Kalenderblattautor und die Mathematik, wenn schon keinen Frieden, so doch eine Art Waffenstillstand geschlossen. Man ging sich aus dem Weg, so gut es eben ging, und behelligte sich nicht weiter. Bis zu jenem Tag, als in der Buchhandlung "Die Geschichte der Null" auslag. Gekauft und sofort verschlungen, veränderte diese höchst unterhaltsame Lese-Reise in die Welt des Zahlenzaubers das Leben des Autors. Nicht, dass er durch sie plötzlich ein glänzender Mathematiker geworden wäre; beileibe nicht. Doch plötzlich tauchten Fragen auf, grundstürzende Fragen: "Was, zum Teufel, habe ich versäumt? Mathematik kann ja so spannend sein!"

Schöpfen mit dem Sieb

Die Erkenntnis löste tiefes Bedauern aus, ob der verpassten Chancen in der eigenen Schulzeit. Was nun aber bestimmt nicht als Vorwurf an die Mathe-Lehrer von einst missverstanden werden darf. Diese Leute haben ihr Bestes gegeben, ja mitunter Unmenschliches geleistet! Aber mal ganz ehrlich: Kann man mit einem Sieb ein Schwimmbecken leer schöpfen? Eben! Manche Leute kapieren Mathematik halt nie.

Dieser zutiefst betrüblichen Erkenntnis wollte sich ein Häuflein aufrechter Bildungsoptimisten nicht beugen. Weshalb die gelehrten Menschen am 19. November 2002 in der schönen mittelhessischen Universitätsstadt Gießen ein Museum der Mathematik eröffneten. Keines mit drögen Formeln und schnöden Gleichungen, sondern ein Mitmach-Museum. Jeder und jedem, unabhängig von Alter, Geschlecht und Vorbildung, sollte eine neue Tür zur Mathematik eröffnet werden, und zwar durch sinnliche Erfahrungen: also Mathe zum Anfassen, mit mehr als 170 Experimentierstationen. Der geneigte Rechen-Laie hat das Gießener Angebot dankbar angenommen; jedes Jahr besuchen 150.000 Menschen das sogenannte Mathematikum. Wenn´s bei diesen Zahlen bleibt, sind die 83 Millionen Einwohner Deutschlands irgendwann mal alle drin gewesen. Genau gesagt in…. Moment, des hamma gleich…. 83 Millionen geteilt durch 150 Tausend…. In 553 Jahren, 121 Tagen, 15 Stunden und 42 Minuten. Naja, ein bisserl Zeit ist also noch. Und bis dahin? Lesen wir einfach immer mal wieder "Die Geschichte der Null".


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