Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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28. November 1992 Erster Kauf-Nix-Tag

Einmal den Einkaufswagen leer lassen, um zu erleben, was man alles nicht braucht, wenn man es mal nicht kauft – aus dieser Idee entwickelte sich der "Kauf-Nix-Tag“. Den gibt es jetzt jedes Jahr wieder. Autor: Thomas Grasberger

Stand: 28.11.2019 | Archiv

28 November

Donnerstag, 28. November 2019

Autor(in): Thomas Grasberger

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Nun ist der Mensch von der Natur ja alles andere als optimal ausgerüstet worden. Stellt man ihn nackt, wie Gott ihn schuf, draußen im Freien ab, hat er schnell ein Problem. Brennt die Sonne herunter, wird´s ihm zu heiß, und er kriegt einen Sonnenbrand; geht der Wind, dann friert er; regnet es, fehlt ihm ein Dach überm Kopf. Und obendrein dauert es nie besonders lange, bis er Durst bekommt und danach meist auch noch Hunger. Irgendwas fehlt also immer, sei es zum Anziehen, zum Essen, zum Trinken – oder ein handliches Gerät zur Jagd von Säbelzahntigern und zur Abwehr von Moskitos.

Was man alles brauchen kann

Der Mensch hatte also von Anfang an allerlei Bedürfnisse. Und weil es ihm von Haus aus an Vielem mangelte, nur nicht an Erfindungsgeist, war er bald schon recht erfolgreich beim Ersinnen von technischen Hilfsmitteln, die ihn über die Natur und ihre Unbilden nach und nach triumphieren ließen. Zunächst war das Equipment noch bescheiden: Keule, Axt, Fell und Feuer. Bald jedoch – und wir überspringen jetzt ein paar Evolutions- und Konsumstufen – bestand das Survival-Kit unseres ehemaligen Höhlenbewohners aus Reihenhäusern, selbstfahrenden Rasenmähern und SUVs. All diese feinen Sachen hat sich unser Homo sapiens ausgedacht, um sie anschließend verkaufen beziehungsweise erwerben zu können, vorzugsweise als lukrative Schnäppchen in den eigens dafür erfundenen Shopping Mall-Paradiesen. So weit, so gut! Auch wenn dazugesagt werden muss, dass längst nicht alle in den Genuss dieser schönen, mehr oder minder nützlichen Dinge kommen. Weltweit betrachtet eigentlich nur die allerwenigsten!

Zu viel ist zu viel

Unser wohlsituierter Konsumfreund jedoch stand eines Tages in einem der schmucken Supermärkte, irgendwo weit draußen im Gewerbegebiet, hinterm dritten Kreisverkehr. Dort lauerte die Beute auf ihn, oder genauer gesagt: Er taumelte orientierungslos auf die sechzehn laufenden Regalmeter mit laktosefreiem Fruchtjoghurt zu.

Beim überwältigenden Anblick dieser Produktfülle wurde er das Gefühl nicht los, dass etwas fehlte. Und so ging unser Shoppingfreund in sich und kam zu dem erstaunlichen Ergebnis: Enthaltsamkeit! Das war´s, was noch fehlte. Enthaltsamkeit!

Wann sich diese Geburtsstunde der Konsumkritik genau ereignete, ist leider nicht überliefert. Der dazugehörige Aktionstag hingegen lässt sich datieren: Am 28. November 1992 fand der erste "Buy Nothing Day" statt, der "Kauf-Nix-Tag".

Eine Gruppe kanadischer Aktivisten um eine konsum- und wachstumskritische Medien- und Werbeagentur hatte ihn ausgerufen: Einmal im Jahr Konsumverzicht üben! 24 Stunden lang! Aus Protest gegen Umweltzerstörung, Ressourcenverschwendung und ausbeuterische Produktionsmethoden. Der Aktionstag, der seither schon in über 60 Ländern stattfand, soll zum Nachdenken anregen über das eigene Konsumverhalten und seine Folgen: 20 Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen nämlich 80 Prozent der Ressourcen. Der reiche Norden shoppt freilich munter weiter. Mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen. Und einer leisen Ahnung, dass ein Kauf-Nix-Tag im Jahr womöglich nicht reicht, um den Planeten samt all seiner Bewohner zu retten.


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