Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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26. November 1985 Erster ICE-Zug schafft 317 Stundenkilometer

Das Flaggschiff des Schienenpersonenfernverkehrs: Der ICE. Der Öffentlichkeit wurde er 1985 vorgestellt und schaffte 317 Stundenkilometer. Eine schnelle sichere Fahrt dank zwei Treibköpfen und "Angstlokomotive".

Stand: 26.11.2020 | Archiv

26 November

Donnerstag, 26. November 2020

Autor(in): Carola Zinner

Sprecher(in): Krista Posch

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Das Datum stand von vorneherein fest. Am 26. November des Jahres 1985 würde es einen Geschwindigkeitsrekord geben, als Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 150jährigen Jubiläum der Eisenbahn in Deutschland. Und tatsächlich zischte der Zug pünktlich und wie geplant an jenem Tag mit sensationellen 317 Kilometern in der Stunde über die Gleise zwischen Hamm und Minden in Nordrhein-Westfalen. Drinnen saßen der Ministerpräsident, der Bundesforschungsminister und jede Menge anderer wichtiger Leute, tief beeindruckt von der hochmodernen Ausstattung des Zuges, zu der etwa Monitore mit einem Fahrgast-Informationssystem gehörten und Bordtelefone, bei denen nicht mehr mit Münzen, sondern mit einer Telefonkarte bezahlt wurde. Ebenso großes Erstaunen riefen die Geräuscharmut im Inneren des Turbozuges hervor und das Ausbleiben des Bauchkribbelns, das sich bei einer derartigen Beschleunigung normalerweise einstellt. Kein Zweifel: Alle Beteiligten hatten ganze Arbeit geleistet.

"Höher, Schneller, Weiter!"

Erste Pläne für einen Hochgeschwindigkeitszug hatte es bei der Deutschen Bahn schon Mitte der 70er Jahre gegeben, zu jener Zeit, als das "Höher, Schneller, Weiter!" in jeder Hinsicht zum prägenden Motto wurde. Industrie, Wissenschaft und Bundesbahn hatten sich gemeinsam ans teure Werk gemacht – man spricht von mindestens 77, vermutlich aber eher rund 100 Millionen Mark, was Anfang der 80er Jahre ein stattliches Sümmchen war. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Der InterCityExperimental, kurz ICE, war eine Art weißer Schlange von Zug, bei dem es statt der herkömmlichen Lokomotive und Waggons mehrere fest miteinander verbundene Mittelwagen gab mit vorne und hinten je einem Triebkopf. Der eine zog den ICE, der andere schob, das war ein Teil des Geheimnisses; auf diese Art entstand das sensationelle Tempo, das Reisen mit der Bahn plötzlich vergleichbar machte mit Inlandsflügen.

Sicher dank "Angstlokomotive"

So ganz geheuer allerdings war das Ganze den Beteiligten dann wohl doch noch nicht, denn sie ließen direkt vor Beginn der Rekordfahrt erst mal als Vorhut ein deutlich gemächlicheres Fahrzeug die Strecke passieren, das unter dem schönen Namen "Angstlokomotive" sicherstellte, dass die Gleise auch frei waren. Eine zweite "Angstlokomotive" fuhr hinter dem ICE her, wohl, um auszuhelfen, falls der Turbozug nicht mehr weiterkommen sollte. Aber alles klappte, die Jubiläums-Feiern der Bahn hatten ihren Höhepunkt und alle freuten sich. Auch diejenigen, die genau wussten, dass der Rekord eigentlich gar keiner war. Die wirklich schnellste Fahrt nämlich hatte der Versuchszug bereits eine Woche zuvor hingelegt, am 19. November 1895, als er zwischen Rheda-Wiedenbrück und Oelde das Tempo von 324 Kilometern pro Stunde erreicht hatte, 7 Stundenkilometer mehr als beim offiziellen Rekord. Das aber wurde streng geheim gehalten. Und das war auch gut so. Denn dass die Bundesbahn zu früh dran war, und das ausgerechnet bei einer so entscheidenden Fahrt - das hätte wirklich ein ganz seltsames Licht auf sie geworfen.


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