Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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9. Januar 1868 Erste U-Bahn-Linie in London eröffnet

Wenn es über der Erde nicht vorangeht, muss der Verkehr eben unter die Erde ausweichen. Das denkt sich der findige Charles Pearson und treibt den Bau einer U-Bahn voran. Zunächst sind die Londoner skeptisch. Autorin: Julia Devlin

Stand: 09.01.2020 | Archiv

09 Januar

Donnerstag, 09. Januar 2020

Autor(in): Julia Devlin

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

London war in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Metropole mit über drei Millionen Einwohnern. Und schon damals war das Verkehrssystem heillos überlastet.

Zwar waren die Eisenbahnen längst erfunden, doch die Londoner Großgrundbesitzer verboten das Legen von Schienen in die Innenstadt. In den Straßen stauten sich die Kutschen, Droschken und die von Pferden gezogenen Omnibusse. Tausende von Arbeitern mussten also täglich zu Fuß von ihren billigen Quartieren am Stadtrand zu ihren Arbeitsstätten wandern.

Unter der Erde geht es schneller voran

Da kam ein Politiker namens Charles Pearson. Ein Visionär, der sich für religiöse Toleranz, die Bekämpfung der Korruption und die Abschaffung der Todesstrafe einsetzte. Schon 1845 hatte er zur Verbesserung der Lebensbedingungen in der Stadt den Bau einer unterirdischen Bahn vorgeschlagen. Denn damit würde man nicht nur die verstopften Straßen entlasten. Man könnte auch günstige, aber lebenswerte Siedlungen außerhalb des Zentrums schaffen, in denen die Arbeiter wohnen könnten. So ließe sich das Wachsen der Slums vermeiden.

Charles Pearson erntete erst einmal nur Hohn und Spott. Doch er ließ nicht locker, umwarb Investoren, Landbesitzer und Stadtväter, und 1860 wurde mit dem Bau der Metropolitan Railway begonnen.

Es darf gebohrt werden

In London war es zu der Zeit nicht unüblich, in der Erde zu wühlen. Gerade wurde nämlich ein riesiges unterirdisches Kanalnetz in der Stadt gebaut. Mit Untertunnelung kannte man sich also bestens aus, und auch die Kritiker waren mit spöttischen Analogien schnell zur Hand: "Trains in Drains", Züge in Abwasserrohren, so nannte man das Projekt.

Die Technik war denkbar einfach, geradezu mittelalterlich: Unter einer Straße wurde ein Graben ausgehoben. Von Hand, mit Schaufeln. Darein wurden Schienen gelegt, Stützwände zu beiden Seiten gemauert, dann wurde eine Ziegeldecke darüber gewölbt, mit Erdreich gedeckt und die Straße wiederhergestellt. Oder, wie die Londoner es nannten: Cut and cover.

Gebaut wurde rund um die Uhr. Trupps von Arbeitern waren Tag und Nacht im Einsatz. Ihre Arbeit war hart und nicht ungefährlich. So kamen zwei Männer ums Leben, als der Kessel einer Dampfmaschine explodierte. Und mehrmals überflutete der nahebei in ein unterirdisches Bett gezwängte Fluss Fleet die Baustelle.

Doch nach drei Jahre war die Strecke fertig. Am 9. Januar 1863 wurde sie feierlich eröffnet. 700 geladene Gäste stiegen in Paddington in die geschmückten Waggons und flugs war man dreieinhalb Meilen weiter in Farringdon, wo ein Bankett die Honoratioren erwartete. Lange Tafeln waren in dem Bahnhofsgebäude aufgestellt, an denen diniert wurde, launige Reden wurden geschwungen, und das Musikkorps der Londoner Polizei spielte.

Zwei Männer fehlten bei den Festlichkeiten. Der eine war der Premierminister Lord Palmerston. Er weigerte sich, in den Untergrund hinabzusteigen, denn mit seinen 79 Jahren sei man um jeden Tag froh, den man über der Erde verbringen dürfe. Der andere war Charles Pearson, dem es nicht vergönnt war, die Vollendung seines Traums zu sehen. Er war vier Monate zuvor gestorben.


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