Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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30. Juli 1808 Erste protestantische Gemeinde im katholischen München

Dass jeder nach seiner Fasson selig werden soll, glaubten die katholischen Bayern lange nicht. Erst eine neue hübsche zugereiste Kurfürstin zeigte ihrem Bayernvolk, dass es auch protestantisch geht. Bald gab es einen Hofgottesdienst für alle – und die Neugierigen kommen in Scharen.

Stand: 30.07.2021 | Archiv

30 Juli

Freitag, 30. Juli 2021

Autor(in): Brigitte Kohn

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Wer sich die Frontseite der Jesuitenkirche St. Michael in der Münchner Fußgängerzone genau anschaut, entdeckt einen Erzengel Michael aus Stein, der mittels Speer einen Drachen durchbohrt. Mit dem Drachen ist der Protestantismus gemeint. Protestanten in Altbayern hatten jahrhundertelang ein schweres Leben. Diejenigen, die den harten Missionsmethoden der Jesuiten trotzten, wurden verfolgt und außer Landes getrieben. Die Wittelsbacher Herrscher waren streng katholisch, und ihre Untertanen sollten es auch sein.

Protestanten erlaubt

Das ändert sich im März 1799, als Graf Max Joseph von Zweibrücken-Birkenfeld als neuer Kurfürst in München einzieht. Er hat eine schöne junge Frau an seiner Seite, Friederike Karoline Wilhelmine, eine geborene Prinzessin von Baden. Die Münchner finden ihr neues Herrscherpaar hinreißend und jubeln ihm begeistert zu.

Und das, obwohl die junge Kurfürstin nicht katholisch ist. Sondern eine Lutherische. Was für eine Sensation! Im Ehevertrag hat sie sich ausbedungen, dass sie ihre Konfession behalten darf und dass ihr ein eigener protestantischer Kabinettsprediger zusteht, den sie gleich mitbringt. Wobei sie natürlich weiß, und Pfarrer Ludwig Friedrich Schmidt weiß es auch, dass diese gemischt-konfessionelle Ehe ein Politikum ist, eine Chance für mehr religiöse Toleranz in Bayern. Auch der Kurfürst und sein mächtigster Minister, Graf Montgelas, wollen politische Reformen durchsetzen und die Protestanten nicht länger vergraulen. Unter ihnen gibt es viele Geschäftsleute und Fachkräfte mit Geld und Know How, das man für den Aufbau eines modernen Bayern unbedingt braucht.

Protestanten mit Geld und Know How

Und so geschehen am Münchner Hof plötzlich unerhörte Dinge. Die ersten protestantischen Gottesdienste seit der Reformation finden statt. Der katholische Hofmusikus spielt Orgel, der katholische Hofvogelfütterer macht den Kirchendiener, und trotzdem geht die Welt nicht unter. Im Gegenteil. Prediger Schmidt gelingt es Schritt für Schritt, unterstützt von der Kurfürstin, seine seelsorgerische Zuständigkeit auch auf Protestanten außerhalb des Hofes auszudehnen und den Hofgottesdienst für alle Bürger zu öffnen. Die Katholiken kommen oft aus reiner Neugier. In München seien Protestanten eine ganz neue Erscheinung gewesen, erinnert sich Schmidt: Die meisten Einwohner hatten in ihrem Leben noch keine gesehen und glaubten, sie müssten ganz anders aussehen als andere Leute. - Schmidt ist humorvoll und diplomatisch und gewinnt die Herzen der Münchner im Sturm. Landesmutter Karoline ist sowieso sehr beliebt, weil sie den Armen viel Gutes tut. Auch, nachdem sie 1806 die erste bayerische Königin geworden ist. Im Volk geht der Spruch um: “Steht dir die Not bis obenhin, so gehst du zu der Carolin!“

Das junge bayerische Königtum wird um Gebiete erweitert, die traditionell protestantisch sind, Städte wie Augsburg oder Nürnberg zum Beispiel. Immer mehr Protestanten zieht es nach München, und die Hofgemeinde reicht bald nicht mehr aus, um sie alle zu betreuen. Königin Karoline redet ihrem königlichen Gemahl kräftig zu, Entgegenkommen zu zeigen, und sie hat Erfolg. Am 30. Juli 1806 lesen die Münchner im Königlich Bayerischen Regierungsblatt, dass Max I. Joseph am Monatsanfang die Gründung einer protestantischen Pfarrgemeinde bewilligt hat, die erste in Bayern.


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