Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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14. Juni 1847 Eine mechanische Ente begeistert München

Manch Wunderwerk der Technik kostet viel Zeit und Nerven. Und wenn es dann fertig ist, merkt man: Doch ein Detail unterschätzt… Eine mechanische Ente fänden alle gut, wäre da nicht der Gestank. Autor: Simon Demmelhuber

Stand: 14.06.2018 | Archiv

14 Juni

Donnerstag, 14. Juni 2018

Autor(in): Simon Demmelhuber

Sprecher(in): Christian Baumann

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Eine Ente ist das Staunen des 18. Jahrhunderts. Dabei tut sie nur, was alle Enten tun: Sie schnattert, flattert, trinkt, frisst, entleert sich. Aber diese Ente ist etwas ganz Besonderes. Sie ist ein Automat, eine Maschine, gebaut und 1738 in Paris präsentiert vom Ingenieurgenie Jacques Vaucanson.

Mechanisch geschnattert

Hundert Jahre später ist das Wunder nur noch Schrott. Viele versuchen sich an der Reparatur, alle scheitern. Niemand haucht dem verworrenen Haufen verbogener Federn, zerbrochener Räder, zerstörter Drähte, Walzen und Hebel neues Leben ein. Das schafft erst Johann Bartholomé Rechsteiner. Der Appenzeller Bauernspross ist ein mechanisches Urtalent, ein begnadeter Autodidakt, der sich als Maschinenwart eines reisenden Automatenmuseums durchschlägt. 1841 kauft der Besitzer des Schaugewerbes die ramponierte Entenruine. Rechsteiner soll sie instand setzen und zum Publikumsmagneten aufpolieren.

Ente gut, alles gut

Er braucht drei quälende Jahre dazu. Die Wiederherstellung des Prunkstücks macht sofort Furore und lässt die Kassen klingeln. Der wahre Entenretter geht jedoch leer aus, sein Prinzipal beansprucht Ruhm und Gewinn für sich alleine. Enttäuscht wirft Rechsteiner hin und geht von nun an eigene Wege. Er zieht sich in ein Schweizer Dorf zurück, werkelt wieder drei Jahre, häuft Schulden an, baut eine zweite, verbesserte Ente. Eine, die tatsächlich kann, was Vaucansons Federvieh nur vorgetäuscht hatte: verdauen, misten, ausscheiden.

Im Sommer 1847 stellt der Konstrukteur sein Geschöpf in Süddeutschland aus. Der Laden brummt, niemand will das "bewunderungswürdigste Meisterwerk" verpassen. Als die Wanderausstellung in München gastiert, steht Rechsteiners Ruhm im Zenit.

Am 14. Juni 1847 geruhen daher auch seine Majestät König Ludwig I. nebst Gemahlin und Gefolge das "Kunstwerk der seltensten Art" im Odeontheater gnädigst aufzusuchen.

Und da thront sie! Schillernd auf einem schwarzen Podest, lebensgroß, frei stehend, gerüstet für ein Hochamt maschinenseliger Fortschrittseuphorie. Rechsteiner drückt einen verborgenen Knopf, ein Zittern durchläuft den bislang leblosen Balg, die Ente reckt und streckt sich, dreht den Hals, äugt musternd umher, schlägt mit den Flügeln, schnattert, schwänzelt, sträubt die Federn. Zuletzt säuft sie Wasser, frisst Hirsekörner, schluckt und schlingt mit aufgeworfenem Kopf.

Unter geflüsterten Ahs! und Ohs! naht der Höhepunkt des Weiheakts. Ein inwendiges Gurgeln, Gluckern und Grummeln kündigt das opus magnum an: Die Verwandlung des einverleibten Futters in veritable Entenkacke! Heftige Winde blähen den Bürzel, dann ein Finale furioso: sturzartige Schwallentladung mit fatal fäkaler Kopfnote. Anders gesagt: Es stinkt gotterbärmlich. Die königlichen Majestäten ringen um Fassung, die Herren der Entourage erbleichen, die Damen ergrünen. Plötzlich haben es die hohen Herrschaften eilig. Ein huldreicher Händedruck, ein knapper Dank, hektischer Rückzug, nichts wie hinaus!

Tja, mit dem Fortschritt hat es halt seine ganz eigene Bewandtnis. Manchmal führt er uns an der Nase rum, bisweilen riecht er ziemlich ungesund. Das ist nicht erst seit Rudolf Diesel so.


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