Bayern 2 - Das Kalenderblatt


4

24. Juni 1374 Drehwurm total: In Aachen bricht die Tanzwut aus

Die Tanzwut, auch Veitstanz genannt, bezeichnet vor allem im 14. und 15. Jahrhundert aufgetretene Epidemien, die als massenhysterische oder psychogene Phänomene beschrieben wurden: Menschenansammlungen begannen zu tanzten, meist bis sie völlig erschöpft zusammenbrachen. Autor: Simon Demmelhuber

Stand: 24.06.2021 | Archiv

24 Juni

Donnerstag, 24. Juni 2021

Autor(in): Simon Demmelhuber

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Dass sich die Pest landauf, landab sattgefressen, geschlemmt und getafelt hat, ist kein halbes Menschenalter her. Doch schon schickt Satan neue Plagen. Männer wie Frauen, Junge wie Alte, beginnen plötzlich zwanghaft zu tanzen. Sie zucken, verrenken, drehen, verausgaben sich, stöhnen und schreien, bis sie zuletzt völlig ausgepumpt niederstürzen. Nach kurzer Rast, nach etlichen Stunden, spätestens am nächsten Tag, beginnt das Zappeln und Toben erneut.

Springteufel-Seuche?

Erst tun sich ein paar Besessene, dann ganze Scharen zusammen, durchstreifen springend, lärmend, bettelnd die Städte an Mosel und Rhein. Am 24. Juni 1374, am Tag des heiligen Johannes, fällt die Seuche in Aachen ein. Mehrere hundert Tänzer winden sich in wirbelnden Schleifen durch die Gassen der Stadt, besetzen wochenlang Plätze, Wirtshäuser, Kirchen. Und der Drehteufel treibt es Ärger denn je. Er stößt und schüttelt die Rasenden durch, bis sie krampfend und mit Schaum vor dem Mund zu Boden gehen. Aber der Dämon gibt seine Opfer auch jetzt noch nicht frei. Er zwingt sie, die Umstehenden um Tritte und Hiebe anzuflehen, weil nur der äußere Schmerz die innere Marter lindert. Da geben viele Fromme freilich gern und reichlich.

Das große Aachen nährt und mehrt die Plage mit jedem Tag. Tanzen zuerst nur die Armen packt der Drehwurm schon bald Handwerker, Dienstboten, zuletzt sogar Hausfrauen, Bürger und Mönche. Niemand weiß Rat, keine Arznei, keine Beschwörung, kein Verbot oder Drohen treibt den Springteufel aus. Schließlich greift die Seuche auf Köln, Limburg, Utrecht, Metz, Straßburg oder Lüttich über, hat nach wenigen Wochen bereits den Frankreichs Nordosten, Belgien und die Niederlande erfasst.

Wie ein Fluss, der anschwillt und über die Ufer tritt, reißt das Elend auf seinem Weg viel menschliches Treibgut mit. Gaukler, Betrüger, allerhand loses und fahrendes Volk schließt sich in der Hoffnung auf leichten Bettel- und Diebsgewinn den Tanzzügen an, Scharfmacher nutzen den Aufruhr, um im Windschatten der Menge gegen Geistlichkeit und Weltregiment zu hetzen. Längst sind die Sitten, dem Himmel sei´s geklagt, obendrein so sehr verdorben, dass heimliche Begierden allenthalben nicht nur schamlos aufgereizt, sondern auch zügellos befriedigt werden.

Epidemische Massenpsychose

Als immer mehr Städte die Tanzenden ausweisen oder gar nicht erst einlassen und Ausschweifungen empfindlich ahnden, flaut das Übel allmählich ab. Ausgerottet ist es damit allerdings nicht. Bis ins 16. Jahrhundert hinein flackern in ganz Europa immer wieder heftige Tanzplagen auf. Was sie verursacht, bleibt unklar. Als Auslöser gelten lange Zeit Nerven- und Hirnerkrankungen, vor allem aber Vergiftungen durch einen Getreidepilz, der Krämpfe und Halluzinationen hervorrufen kann. Neuere Ansätze vermuten eher religiösen Wahn oder ansteckende Endzeit- und Bedrohungsängste am Werk, die sich in epidemischen Massenpsychosen entladen. Dabei werden empfängliche Menschen ebenso leicht vom Schein wie von der Wirklichkeit ergriffen und reagieren bisweilen absonderlich. Tja, manchmal tut das Mittelalter grad so, als wär´s ein Stück von uns.


4