Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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15. April 2010 Der isländische Vulkan Eyjafjallajökull bricht aus

Der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull hatte weitreichende Folgen: Für den Flugverkehr und für alle, die seinen Namen jetzt aussprechen mussten. Autor: Simon Demmelhuber

Stand: 15.04.2020 | Archiv

15 April

Mittwoch, 15. April 2020

Autor(in): Simon Demmelhuber

Sprecher(in): Caroline Ebner

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Am 15. April 2010 explodiert ein Gletscher in Island. Fünf Krater brechen auf, sprengen die Eiskappe ab, würgen Magma, Glutfontänen und schwarzbrodelnde Rauchschwaden aus. Binnen weniger Stunden treibt der Jet Stream 80 Millionen Kubikmeter feinkörniger Vulkanasche über den Atlantik nach Nord- und Mitteleuropa, dann blasen drehende Winde die Wolke bis an die afrikanische Küste und tief hinein in die Steppen Zentralasiens.

Alarmstufe rot für den Luftverkehr! Der glasharte Lavastaub könnte Cockpitfenster blind schleifen und Triebwerke schädigen. Die Behörden reagieren rasch. 20 EU-Staaten verhängen ein sechstägiges Flugverbot mit schmerzlichen Folgen: 100.000 Flüge fallen aus, Millionen Passagiere stranden in überfüllten Airports, Millionen Tonnen Frachtgut bleiben am Boden. Die radikale Stilllegung inspiriert das übliche Getöse: Börsianer ächzen, Unternehmer klagen, Experten orakeln, Medien schrillen.

DER Vulkan

Die wahren Opfer der detonierten Aschentonne leiden lautlos. Während der Vulkan bildgewaltig Feuer und Lava spuckt, schwitzen verstörte Nachrichtensprecher literweise Blut und Wasser: Eja, ejaja, eja, jaku - wie zum Henker heißt der vermaledeite Berg? Wie spricht man das aus? Eia jalla dufötl? Die infernalische Buchstabenpresswurst pappt am Gaumen, klebt an den Zähnen, zerknautscht die Lippen. Eija fadla yogurt ötl? Nein? Eia fallala jöti kittel. Auch nicht! Wie dann? Ehja walla katötl? Der Berg schafft sie alle. Weltläufige Exotikmakler, die es nie von Barrsssellonna nach Batzelona verschlug, geben klein bei. Selbst sturmerprobte Zungenturner und polyglotte Artikulationsakrobaten, denen Blaukraut immer Blaukraut und Brautkleid stets brav Brautkleid blieb, werfen das Handtuch. Eia, blabla kötl ex und hopp

Hilft alles nix. Es will, es muss und soll gemeldet werden, wie viele Umsatzmillionen der Feuerspucker Tag für Tag in Rauch auflöst. Jeder kämpft auf seine Weise gegen das Versacken im Namenlosen an.

Die Zaghaften sprechen vom "Vulkan", die Lyriker tendieren zum "Feuerberg", die Trickser dämpfen das E nebst Folgebuchstaben scherzkekskurz auf E15 ein. Na ja, irgendwie durchgemogelt, aber nicht wirklich professionell. So erwacht nach dem ersten Schock der Ehrgeiz. Wo Kleinmut herrschte, beginnt nun eine Aufholjagd der Aussprachestreber, ein Wett- und Nachrüsten in urwüchsiger Zungengeläufigkeit. Alles ist erlaubt, alles geht. Manche erfinden eine Art grunzendes Privatisländisch, andere zapfen Botschaften und Einheimische an, die Methodiker zerlegen den sperrigen Brocken in mundgerechte Bissen und rücken dem authentischen Saga-Sound Stück für Stück näher.

Das Ende einer Saga

Kaum vier Wochen nach dem Ausbruch hat die babylonische Sprachverwirrung ein Ende: Eja, Eja fjalla, Eja fjalla jökütl. Bei Odin, das ist es! Endlich sind wir Wikinger, und wie! Aber ach, alles umsonst! Mitte Mai hat der Eyjafjallajökull seine Magenverstimmung auskuriert und wird nicht mehr gebraucht. Schade, grade jetzt, wo er uns so ans Herz gewachsen ist wie sonst nur noch Kjálkarfjarðartungur, Lyngtungufjallshjall oder Klofalækjarkjaftur.


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