Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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15. Januar 1958 "Das Wirtshaus im Spessart" wird uraufgeführt

"Das Wirtshaus im Spessart" war in den 1950ern ein Unterhaltungsfilm mit Starbesetzung - "bunt, gruselig und heiter musikalisch". Autorin: Carola Zinner

Stand: 15.01.2021 | Archiv

15 Januar

Freitag, 15. Januar 2021

Autor(in): Carola Zinner

Sprecher(in): Ilse Neubauer

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Der Wald ist ein geheimnisvoller Ort und gefährlich dazu; hier treffen Fürstensöhne auf Prinzessinnen, hier setzen arme Eltern ihre Kinder aus, und wenn Reisende im Wald um Nachtquartier in einem Wirtshaus bitten, dann handelt es sich garantiert um eine Räuberspelunke. So ist es im Märchen, wo ja bekanntlich viel Wahrheit steckt, mögen auch manche monieren, es gehe dort zu simpel her und zu farbenfroh.

Kasperletheater und Musikkomödie

Dass man es trotzdem auf diese Art weit bringen kann, das zeigt unter anderem der deutsche Film der Nachkriegszeit. Auch hier ging es häufig recht simpel her und farbenfroh – aber genau das war es, was das damalige Publikum brauchte und liebte. Und einer, der es in dieser Hinsicht bestens bediente, war der Regisseur Kurt Hoffmann. Sein Film "Ich denke oft an Piroschka" war einer der größten Kino-Hits der 50er und die junge Hauptdarstellerin Lilo Pulver derart gut, dass Hoffmann immer wieder nach Stoffen suchte, mit denen er die Schweizer Schauspielerin in Szene setzen konnte. So landete er bei "Das Wirtshaus im Spessart", einer Geschichte des Märchendichters Wilhelm Hauff, in der Reisende, die in einem obskuren Wirtshaus im Wald übernachten, gemeinsam gegen die üblen Machenschaften des Wirts-Ehepaares und einer Räuberbande vorgehen. Der Film, den Hoffmann daraus machte, traf beim Publikum voll ins Schwarze. "Das Wirtshaus im Spessart", Kinostart am 15. Januar 1958, lief noch im selben Jahr als deutscher Beitrag bei den Festspielen in Cannes.  Dort allerdings konnte man mit dem Streifen nur wenig anfangen. Ein Gaukler mit Spielzeug-Akkordeon, der singend und augenrollend ins Geschehen einführt. Zwei üble Räuber, die von einem Leben als richtige Bürger träumen, mit Häuschen und Garten. Ein preußelnder Obrist, aus dessen Mund manchmal anstelle von Sprache Marschmusik ertönt. Und eine bezaubernde Comtesse, die erst dann so richtig auftaut, als sie, verkleidet als Mann, zur Räuberbande stößt und mit dem sensationell gutaussehenden Hauptmann das Bett teilen muss:

Das Wirtshaus im Spessart ist eine eigentümliche Mischung aus Kasperletheater und Musik-Komödie, und Lilo Pulver, so umwerfend sie auch spielt, natürlich an keiner einzigen Stelle als Mann auch nur ansatzweise glaubwürdig.

Opas Kino

Doch genau das ist es, worauf die zweite, unterschwellige Ebene dieses Films abzielt, den die französische Presse wohl nur deshalb "abgeschmackt" nennen konnte, weil ihr die Welt nicht vertraut war, auf die Hoffmann hier immer wieder anspielt. Eine Welt, in der Frauen nur zu sich finden können, wenn sie ihre Weiblichkeit verstecken. In der die Guten von den Mächtigen betrogen und um ihre Existenz gebracht werden und in der die Halunken, die eben noch dem alten Führer nachtrauerten, im Gewand des braven Biedermannes daherkommen… Später haben auch deutsche Nachwuchs-Regisseure den Film wie Hoffmanns gesamtes Werk als "Opas Kino" in Grund und Boden verdammt. Doch bei genauem Hinsehen erzählen seine bunten, simplen Märchen mehr und deutlich unterhaltsamer etwas über die deutsche Nachkriegszeit als vieles, was dazu später entstand.


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