Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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6. Mai 1719 Daniel Defoes “Robinson Crusoe” erscheint

Robinson Crusoe verbringt als Schiffbrüchiger 28 Jahre auf einer Insel. Nach Daniel Defoes Roman heißt das literarische Motiv des Strandens auf einer Insel Robinsonade. Autor: Thomas Grasberger

Stand: 06.05.2021 | Archiv

06 Mai

Donnerstag, 06. Mai 2021

Autor(in): Thomas Grasberger

Sprecher(in): Ilse Neubauer

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Wer schon mal auf die abenteuerliche Idee verfallen ist, den eigenen Keller zu entrümpeln, kennt vielleicht jenen Moment des Entsetzens, der unweigerlich zu dem Ausruf führt: "Wahnsinn, wieviel Zeug der Mensch hat!" Diese Erkenntnis provoziert dann gern die philosophische Frage: "Was braucht er eigentlich wirklich, der Mensch?"

Was braucht der Mensch?

Nun, eine Antwort darauf – und wohlgemerkt nur eine, denn es gibt natürlich viele mögliche, fast so viele, wie es Menschen gibt – eine Antwort wurde am 6. Mai 1719 gegeben. An jenem verkaufsoffenen Samstag erschien nämlich der Roman "Robinson Crusoe". Sein Autor, der Londoner Daniel Defoe, war da bereits 59 Jahre alt. Als Kaufmann – Wein, Tabak, Lebensmittel – hatte Defoe in seinem bisherigen Leben wenig wirtschaftlichen Erfolg gehabt. Und auch der "Robinson" brachte ihm nur magere 50 Pfund; während der Verleger wohlhabend wurde. Aber Defoe erntete den Ruhm. Sein Romanerstling wurde eines der ganz großen Bücher der Weltliteratur!

Die Geschichte ist hinlänglich bekannt: Der junge Kaufmannssohn Robinson Crusoe aus York schlägt die Warnungen des Vaters und die Segnungen des goldenen Mittelstandes in den Wind, um sich der Seefahrt zu widmen. Es dauert nicht lang, da lässt ein Orkan sein Schiff auf Grund laufen. Als einziger Überlebender landet Robinson am felsigen Ufer – einer Insel, wie er bald feststellt. Die Situation erscheint aussichtslos. Doch plötzlich zeigt sich, dass das Schiffswrack nahe der Küste an einem Felsen hängt. Hier beginnt der konsumkritische Teil unseres Kalenderblattes.

Eine Insel als Keller

Was braucht der Mensch wirklich? Robinson schwimmt hinüber und schaut, was von der Schiffsladung übrig ist. Zwieback und Rum – zweifelsohne nützlich, zur Ermunterung der Lebensgeister! Aber da ist noch mehr zu holen! Mit selbstgezimmerten Flößen fährt er nun täglich zwischen Strand und Schiff hin und her, um alles zu sichern, was nicht niet- und nagelfest ist: Brot, Reis, Käse, Ziegenfleisch, auch Säge, Axt und Hammer, Schusswaffen, Munition, Pulverfässer sowie zwei alte verrostete Säbel. Robinson nimmt mit, was seine Hände tragen können: Dünne Seile, dicke Seile, Nägel, Bohrer, Handbeile, Schleifstein! Zusammengerafft wird, was der Mann halt so "braucht"! Ohne viel darüber nachzudenken, ob er es jemals wirklich brauchen kann – oder nicht.

Obgleich Robinson bald "das größte Magazin von Gegenständen" besitzt, "das wohl jemals ein einzelner Mensch um sich her aufgehäuft hat", gibt er sich nicht damit zufrieden. Er holt sich Kompasse, Quadranten, Ferngläser und drei gute Bibeln. Nicht zu vergessen Feder, Tinte und Papier! Klar, wie sollte er sonst Tagebuch schreiben! Oder Kalenderblätter! Und die Kiste mit Geld? Immerhin sechsunddreißig Pfund in Gold- und Silbermünzen! Der Schiffbrüchige zögert: Wozu Geld auf einer einsamen Insel? Nach reiflicher Überlegung nimmt er‘s dann doch mit. Man weiß ja nie ...

Als kurz darauf das Wrack vollends versinkt, sitzt Robinson am Strand und stapelt "mit unsäglicher Mühe all seine Reichthümer". Wahnsinn, wieviel Zeug der Mensch doch hat! Nur gut, dass auf einer Insel so viel Platz ist. Obwohl, das denkt man vom eigenen Keller ja auch immer...


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