Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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22. Juli 1947 Dagobert Duck erblickt das Licht der Comicwelt

In kecker Badehose steht er auf dem Sprungturm: Die Flügel nach vorne, ein paarmal gefedert und er hebt ab, dreht sich in der Luft mit dem Kopf nach unten und hechtet formvollendet in einen riesen Haufen goldener Taler: Dagobert Duck. Krösus, Geizhals, Gold-Genießer. Autor: Simon Demmelhuber

Stand: 22.07.2021

22 Juli

Donnerstag, 22. Juli 2021

Autor(in): Simon Demmelhuber

Sprecher(in): Caroline Ebner

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach / Susi Weichselbaumer

Mehr geht nicht, mehr kann eine Ente nicht erreichen: 5 Fantastilliarden, 9 Trillionen, etliche Billionen, Milliarden, Millionen Taler und 16 Kreuzer! Niemand ist reicher als Dagobert Duck. Getrieben von der Gier nach Gold und Gewinn, gefoltert von Verarmungsängsten, jagt der Erpel rastlos um die Welt und häuft ein unermessliches Vermögen an. Bloß gut, dass ihm Donald, die drei Großneffen und Daniel Düsentrieb dabei helfen, den stets schwundbedrohten Zaster gegen Räuber, Hexen oder anderes Diebsgesindel zu schützen.

Bad im Geldspeicher

Doch das kommt erst später. Zunächst gibt es nur den Zeichner Carl Barks, bei dem der Comicverlag Western Publishing eine Weihnachtsgeschichte mit Donald, Tick, Trick und Track bestellt. "Hmm", meint Barks, "schwierig!"

Stöhn! Seufz! Grübel! Dann: Boing! Idee! Ein Onkel muss her. Einer wie Ebenezer Scrooge in Dickens "Christmas Carol". Ein stinkreicher, biestiger Griesgram, der seine Mitwelt schikaniert, dass sich die Federn sträuben. Und so schlüpft schließlich Strich um Strich Scrooge McDuck aus dem Ei, den wir als Onkel Dagobert kennen.

Grantiger Geizhals

Als Barks am 22. Juli 1947 seine erste Dagobert-Story abschickt, ist der Geizhals bloß eine Nebenfigur. Aber die Leserinnen und Leser vergaffen sich auf Anhieb in den grantigen Knauser und verlangen Nachschub. Damit beginnt ein Abenteuer, das bis heute nicht auserzählt ist.

Barks erschafft für seinen Star nach und nach nicht nur den wimmelnden Kosmos Entenhausen, er schreibt ihm eine rückwärts wuchernde Biografie auf den Leib, lässt ihn allmählich jünger, milder, umgänglicher werden. Im Kern jedoch bleibt Dagobert Duck was er ist: ein nimmersatter Geldhai, Raffzahn und Ausbeuter.

Schluck! Grusel! Schauder! Darf man so ein Scheusal mögen, geschweige denn lieben? Aber ja! Onkel Dagobert ist gierig, geizig, ruppig und verschlagen. Aber nie tückisch, nie niederträchtig, nie bösartig. Und er ist vor allem eins: ein Genie, ein Extremist der Leidenschaft. Entweder himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt, was er fühlt, erfasst ihn völlig, was er anpackt, macht er ganz oder gar nicht.

Dieser gefiederte und geschnäbelte Superlativ ist vom Scheitel bis zum Bürzel vibrierende Vitalität. Dieser Prachterpel bebt vor Tatkraft und Lebensfreude. All das Gold, das er hortet, herzt und küsst, steht für die Fülle und Schönheit der Welt. Auch sein tägliches Geldbad ist kein Götzendienst am Mammon, sondern pure Daseinswonne. Mit so viel ansteckender Diesseitsfreude schaufelt sonst nur noch Obelix fuderweise Wildschweine in sich hinein.

Das ist das eine. Das andere ist der alte Fabeltrick, die Wahrheit im Fell- und Federkleid: Dagobert Duck karikiert unseren Wachstumsfetisch, unsere Geiz-ist-geil-Mentalität und Haben-will-Denke. Der Spiegel, den er uns vorhält, ist unbestechlich, aber lustig. Das Tierkostüm hält die Wirklichkeit auf Distanz, die Übertreibung bringt uns zum Lachen und so verzeihen wir uns quietschvergnügt selbst. Am Ende jedenfalls ist die Ente auch nur ein Mensch und alles Vergängliche nichts als ein Gleichnis.

Alles Gute zum Geburtstag, lieber Onkel Dagobert!


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