Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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8. Juni 1946 BBC interviewt Hündin Judy, ehemalige Kriegsgefangene

Hündin Judy rettete im Zweiten Weltkrieg zahlreichen Soldaten das Leben. Sie überlebte zwei Schiffsuntergänge, japanische Kriegsgefangenschaft und den Dschungel von Sumatra. Kein Wunder, dass die BBC am 8. Juni 1946 ein Interview mit Großbritanniens berühmter Kriegsgefangener sendete. Autorin: Prisca Straub

Stand: 08.06.2021 | Archiv

08 Juni

Dienstag, 08. Juni 2021

Autor(in): Prisca Straub

Sprecher(in): Christian Baumann

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Susi Weichselbaumer

Die tägliche Ration Reis ist eine abstoßend riechende, graue Pampe. Doch im japanischen Kriegsgefangenenlager auf Sumatra ist sie das Highlight des Tages. Der Pazifikkrieg ist in vollem Gange, die alliierten Soldaten schuften in Zwangsarbeit. Als Frank Williams sich zur Mittagspause in den Staub vor seiner Baracke niederlässt, hört er plötzlich ein leises Hecheln. Eine abgemagerte Hündin schiebt sich vorsichtig in sein Blickfeld - dunkler Kopf, große kluge Augen. Der Royal Air Force-Techniker zögert, - doch dann schiebt er seinen Napf dem Tier entgegen. Ein schnappendes Geräusch - und schon ist seine Tagesration in der Hundeschnauze verschwunden. Wou!

Judy, Lebensretterin und Dschungelkämpferin

Hündin Judy wird dem Kriegsgefangenen Frank künftig nicht mehr von der Seite weichen. Der hatte soeben die britische Niederlage in Singapur überlebt, und auch Judy hätte ihm allerhand zu erzählen gehabt: Sie war ein edelblütiger English Pointer und hatte sich schon vor Jahren aus ihrer Zucht in Shanghai davongemacht. Statt englische Gentlemen auf die Jagd zu begleiten, war sie Schiffshündin auf einem britischen Kanonenboot geworden. Sie war den Jangtse rauf und runter patrouilliert, hatte ihre Kräfte mit Piraten und Alligatoren gemessen - und im Dienst Ihrer Majestät ein untrügliches Gespür für sich nähernde japanische Kampfbomber entwickelt. Vor Sumatra war sie auf Grund gelaufen - und hatte ihrer schiffbrüchigen Mannschaft das Leben gerettet, als sie eine Süßwasserquelle aufspürte. Gemeinsam hatten sie sich hunderte Kilometer durch den Dschungel gequält und die letzten rettenden Schiffe der alliierten Einheiten dann doch knapp verpasst. Wouuuuu!

Doch auch jetzt in japanischer Kriegsgefangenschaft macht Judy sich unentbehrlich. Sie sorgt für Nahrung, bringt erlegte Ratten und Schlangen ins Camp. Derweil versucht ihr neuer Freund Frank Williams, sie vor den Blicken der Wachen zu verbergen - Hundefleisch gilt als Delikatesse! Dann gelingt Frank sogar ein brillanter Deal mit dem Lager-Kommandanten: Judy wird offiziell registriert. Als japanische Kriegsgefangene. Unter Williams Nummer: 81 / Schrägstrich A.

Als das Lager 1944 aufgelöst wird, schmuggelt Williams seine Hündin in einem leeren Reis-Sack auf ein Frachtschiff gen Norden. Doch sie kommen nicht weit. Ein Torpedoangriff. Das Schiff wird auseinandergerissen. Und Judy? Wieder rettet sie Leben und bringt etliche Ertrinkende zu den Rettungsbooten. Dann: das nächste Gefangenenlager. Frank schindet sich beim Bau der Thailand-Burma-Bahn, der sogenannten Todeseisenbahn. Im Sommer '45 kommen beide frei. Zu Skeletten abgemagert.

Im Zeitzeugen-Interview mit der BBC

Als Frank und Judy in London eintreffen, ist die Hündin schon eine Berühmtheit. Sie erhält die höchste Auszeichnung für Tiere im Kriegseinsatz und wird Mitglied im Verband der zurückgekehrten Kriegsgefangenen - als einziges Tier überhaupt. Kein Wunder, dass die BBC die Zeitzeugin jetzt unbedingt vor dem Mikro haben will. Am 8. Juni 1946 stellt sie sich tatsächlich den Fragen des Radio-Moderators. Das kurze Interview lässt dann auch nichts zu wünschen übrig: Wou Wou!


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