Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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14. August 1954 Aufstand der Nackten in der DDR

Niemand kümmerte sich um die Bikini-Figur, denn niemand trug Bikini. Doch am 14. August 1954 fiel ein kalter Schatten auf die FKK-Badeparadiese an der Ostsee. Autorin: Prisca Straub

Stand: 14.08.2020 | Archiv

14 August

Freitag, 14. August 2020

Autor(in): Prisca Straub

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

"Herrje, wat hammse denn nua!" Im Ost-Berliner Politbüro herrscht aufgeheizte Stimmung: Ausschreitungen in mecklenburgischen Ostseebädern. Zwischen Wismar und der Insel Usedom gehen Nackte auf die Barrikaden. "Det könnse knicken!" Die SED-Funktionäre vor Ort werden angewiesen, hart durchzugreifen.

Invasion der Nackten

DDR-Innenminister Willi Stoph hat die Textilfreien schon länger im Auge: In den traditionellen Badeorten Ahrenshoop, auf der Insel Hiddensee, im Seebad Zinnowitz - überall wird zunehmend hüllenlos geplantscht. Gesetzestreu bekleidete Badegäste sind bereits in der Unterzahl. Außerdem: exotische Feiern am Strand von Prerow. Die Partygänger: bekleidet nur mit Muschelkette und Lendenschurz aus Seegras. Die nackte Haut bemalt mit Schuhcreme und Zahnpasta. Die Westpresse berichtet bereits - "Kamerun an der Ostsee"! Höchste Zeit, die sozialistische Sittenstrenge wiederherzustellen. "Körper sind zum Arbeiten da, nicht zum Vergnügen!" Doch das wird schwieriger als gedacht.

Am 14. August 1954 tritt der Nacktbade-Bann in Kraft. FKK gilt jetzt als Gesetzesverstoß. Volkspolizisten durchkämmen die Dünen im Hinterland, spähen hinter jeden Windschutz, kontrollieren Strandkörbe. Auf der Wasserseite patrouillieren Mitarbeiter des Innenministeriums. Aus Booten heraus wird fotografiert. Es hagelt Bußgelder.

Nackte auf den Barrikaden

Doch die Nackten - sie verschanzen sich hinter Sandburgen und sonnen sich einfach weiter. Manche umgehen das Verbot, indem sie "bekleidet" in die Fluten steigen - und zwar lediglich mit Krawatte. Andere organisieren Strandwachen. FKK-Verbotsschilder werden aus der Verankerung gerissen. Es heißt sogar, ein Uniformierter auf Streife sei gewaltsam entkleidet und ins Wasser geworfen worden.

Kurzum, es gibt mächtig Rabatz - und die DDR-Führung ist ratlos. "Wen hammwa hier'n uff'n Kieka?" Sind die Nackten vielleicht Sexualverbrecher? Nazi-Sympathisanten à la Leni Riefenstahl? Oder - nicht auszudenken - Tagesreisende aus dem Westen? Doch dann die verstörende Gewissheit: Unter den Nudisten befinden sich etliche SED-Mitglieder und sogar hochrangige Staatsbeamte. Unmöglich, unter diesen Umständen weiter auf das Nacktbadeverbot zu bestehen.

Nacktbaden im Sozialismus

Also, Kehrtwende: Das Nacktbadeverbot wird ersatzlos kassiert. Und die vermeintlich sittenlose Barbarei umdeklariert - zum sozialistischen Vergnügen. FKK wird jetzt vorbeugend gegen Zivilisationskrankheiten empfohlen: Bergmann und Bandarbeiterin erholen sich am besten beim "unbekleideten Aufenthalt in freier Natur". Das DDR-Fernsehen schickt seinen nackten Chefreporter an die Strände. Erziehungsratgeber empfehlen, Kinder möglichst frühzeitig mit Nacktheit vertraut zu machen. "Baden ohne", ein staatlich geförderter Reiseführer, weist die schönsten FFK-Plätze aus. Nacktbaden wird Nationalsport. Der rätselhafte Aufstand der Nudisten hat ein echtes DDR-Markenzeichen hervorgebracht. Bis zur Wende '89. Dann ging der "Höschenkrieg" von vorne los.


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