Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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19. Dezember 1971 Aldo Pedro Poy und das größte Tor aller Zeiten

Argentinien: das Land der Fußballwunder. Nein, hier ist nicht die Rede von der "Hand Gottes", sondern von Aldo Pedro Poys Kopf, der mit "La Palomita" das größte Tor aller Zeiten erzielte. Autor: Thomas Grasberger

Stand: 19.12.2018 | Archiv

19 Dezember

Mittwoch, 19. Dezember 2018

Autor(in): Thomas Grasberger

Sprecher(in): Krista Posch

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Man kann lange drüber streiten, ob Fußball eine echte Welt-Religion ist. Oder doch nur ein weitverbreiteter religiöser Aberglauben unserer Zeit, wie der italienische Schriftsteller Umberto Eco meinte. So oder so – irgendetwas Religiöses haftet dem Ballsport an. Man muss dabei nicht gleich an die "Hand Gottes" denken, die der argentinische Stürmer Diego Maradona bemühte, nachdem er bei der WM 1986 einen irregulären Treffer erzielt hatte – mit seiner eigenen Hand!

Heilige Orte

Nein, auch liturgische Besonderheiten wie Stadiongesänge, Fahnen, Symbole, Gesten oder Gewänder der Ball-Gläubigen belegen jedes Wochenende aufs Neue, dass die Fußballreligion recht lebendig ist. Ihre zahlreichen Konfessionen und Sekten kennen oft höchst sonderbare Formen der Hingabe.

Das durfte unlängst auch ein Pastoralreferent aus Gilching bei München erfahren, der mit seiner Gattin die Ferien in Schottland verbrachte. Als gelernter Theologe und tief gläubiger Sechzger-Fan, der gern den Gottesdiensten im Tempel an der Grünwalder Straße beiwohnt, war er eigentlich bestens vorbereitet. Aber Schottland toppte in Fragen fußballreligiöser Inbrunst dann doch alles ihm Bekannte.

Unser Gilchinger war gerade dabei, am helllichten Vormittag das Stadion von Celtic Glasgow zu fotografieren, als er plötzlich von einem wildfremden, komplett tätowierten Schotten angefallen und aufs Herzlichste umarmt wurde. Dieses Stadion, meinte der Schotte, sei heilig! Der wichtigste Ort überhaupt. Also weltweit!

Man einigte sich schließlich ganz freundschaftlich auf zwei wichtigste Wallfahrtsorte, nämlich den Celtic Park in Glasgow und das Stadion an der Grünwalder Straße in Giesing.

Die "kleine Taube"

Die Weltkarte der Fußballreligion war damit aber nur unvollständig gezeichnet, denn die beiden Europäer hatten Südamerika vergessen. Einen Kontinent, auf dem nachweislich die meisten Fußballwunder geschehen. Zum Beispiel am 19. Dezember 1971. An jenem Tag bezwang der argentinische Club CA Rosario Central im Halbfinale den lautstark geschmähten Lokalrivalen Newell's Old Boys mit eins zu null. Der Weg zur erstmaligen Meisterschaft war damit geebnet. Den entscheidenden Treffer hatte der Mittelfeldspieler Aldo Pedro Poy erzielt, mit einem spektakulären Flugkopfball. Poy wurde schlagartig zum Lokalheiligen von Rosario. Und sein Tor bekam den Ehrentitel "La Palomita" – die kleine Taube.

Einige Wochen nach der Partie wurde Aldo Poy von Fans gebeten, das legendenumrankte Geschehen vor einer Bar noch einmal nachzustellen. Seither muss er immer wieder ran, um das Wunder aufs Neue zu inszenieren. Tausende kommen am Jahrestag zusammen, jubeln, schreien, fallen betend auf die Knie, wenn Aldo zum Flugkopfball antritt. Was mittlerweile nicht mehr ganz so schwerelos gelingt, denn immerhin ist Poy ein betagter Spieler, Jahrgang 1945. Aber egal. Hauptsache, der Heilige Geist in Gestalt der kleinen Taube kommt herab auf die Häupter der Gläubigen. Denn die sind stets offen für jenes höhere Wesen, das wir Ball nennen.

Wer jetzt nicht ganz so fußball-spirituell veranlagt ist, wird vielleicht eher von einem Dachschaden reden. Und sich an den Dichter Joachim Ringelnatz halten, der einst reimte: "Ich warne euch, ihr Brüder Jahns, vor dem Gebrauch des Fußballwahns!"

Tja, eine durchaus berechtigte Warnung. Aber Vorsicht! Auch Ringelnatz war ein Gläubiger. Der Dichter war ein begeisterter Fan von Hertha BSC Berlin.


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