Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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29. Dezember 1951 "Aaaaaahhhh": die Mutter aller Todesschreie feiert Kinopremiere

Dieser Film-Schrei, der Wilhelmsschrei, ist markerschütternd. Benannt nach der Nebenfigur Wilhelm aus "Der brennende Pfeil", wurde der Soundeffekt zu einem Running Gag der Sound-Designer. Autor: Simon Demmelhuber

Stand: 29.12.2020 | Archiv

29 Dezember

Dienstag, 29. Dezember 2020

Autor(in): Simon Demmelhuber

Sprecher(in): Caroline Ebner

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Eine Schar Soldaten kämpft sich durch die Everglades. Die Männer waten knietief im Sumpf, mustern das Ufer, sichern nach allen Seiten. Doch der Feind lauert nicht im Gebüsch. Er schiebt sich im schlammigen Wasser lautlos an die Nachhut heran, reißt den Rachen auf, Zähne hacken, Knochen splittern - aaaaaaah" - ein letzter, scharf zugespitzter Schrei, dann wälzt der Alligator seine Beute ins nasse Grab.

Ein Agonie-Juwel

Tonaufnahmen im Freien sind in den 1950er Jahren ein echtes Problem. Zu viel Störgeräusche, zu viel Unruhe. Darum werden Außendrehs im Studio nachvertont. So wie der akustische Abgang des Alligator-Opfers im Western "Distant Drums", der am 29. Dezember 1951 in die Kinos kommt. Die biedere Dutzendware ist bald vergessen, anders als der Todesschrei im Sumpf. Der landet im Tonarchiv von Warner Brothers und wird quer durch alle Genres und Todesarten wiederverwendet.

Egal ob erschossen, erdolcht, erwürgt, von Löwen, Tigern, Sauriern gefressen, von Aliens zerstrahlt oder von Pfeilen durchbohrt, das eingelagerte Agonie-Juwel peppt so manches Hollywood-Blutbad und Lichtspielgemetzel der 50er und 60er Jahre wirkungsvoll auf. Danach wird es, wenn man das so sagen darf, erst einmal still um den Schrei. Jedenfalls solange, bis George Lucas den Toningenieur Ben Burtt als Soundgestalter seiner Star Wars-Reihe holt. Der geniale Klangnerd erfindet nicht nur das Lichtsäbelbrummen und das fiese Darth Vader-Keuchen, er macht sich auch eine Mordsgaudi draus, niedergelaserte Stormtroopers mit dem Konservenschrei ins Jenseits zu schicken.

Ein Schrei für Kenner

Der Insider-Gag kommt an, schon bald bringen mehr und mehr Tonkollegen den Soundfetzen in zahllosen Filmen unter.

Wann immer es in Indiana Jones, Jurassic Park, Batman, Herr der Ringe, Star Trek, Piraten der Karibik, King Kong und gut 400 weiteren Streifen, Videospielen oder Zeichentrickfilmen um Kopf und Kragen geht, kommt der recycelte Todesschrei als Schmankerl für Kenner zum Einsatz.

Doch wer hat ihn erstmals ausgestoßen? Auf seiner Spurensuche gräbt sich Burtt zunächst bis zum 1953 gedrehten Western Der Brennende Pfeil durch. Weil darin eine Figur namens Wilhelm die Mutter allen Finalgekrächzes aus abrupt verengter Kehle presst, heißt das bislang namenlose Klanggut fortan Wilhelm-Schrei. Später stößt Burtt mit der Alligatorszene in "Distant Drums" zur tatsächlichen Quelle vor, aber da ist es für eine Neutaufe zu spät. Es bleibt beim Namen Wilhelm-Scream und damit basta!

Der Originalschreier lässt sich ohnehin nicht mehr zweifelsfrei ermitteln. Zwar gilt den meisten Schreikundlern der Schauspieler Sheb Wooley als wahrscheinlichster Urheber, sicher ist das allerdings nicht. Wir werden dem Leinwandtod also bis ans Ende der Zeit mit einer letzten Ungewissheit der Schöpferfrage beim Ernten lauschen müssen. Schade, sehr bedauerlich. Aber wie wäre es zum Trost mit einer kleinen Hörschnitzeljagd? Die Spielregeln sind einfach: Wer beim nächsten Heimkinoabend als erster einen Wilhelmschrei identifiziert, gewinnt. Bevor es losgeht, noch eine kleine Gedächtnisstütze. Wonach wir suchen, klingt so: "Aaaaaaah"!


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