Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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28. Dezember 1879 Firth-of-Tay-Brücke bricht zusammen

Wer war schuld daran, dass die Firth-of-Tay-Brücke in Schottland am 28. Dezember 1879 zusammenbrach? Hexen, wie der Dichter Theodor Fontane meinte? Baumängel? Oder beides?

Stand: 28.12.2011 | Archiv

28 Dezember

Mittwoch, 28. Dezember 2011

Autor(in): Isabella Arcucci

Sprecher(in): Krista Posch

Redaktion: Thomas Morawetz

"Wann treffen wir drei wieder zusamm?"

"Um die siebente Stund, am Brückendamm."

"Am Mittelpfeiler."

"Ich lösche die Flamm."

"Ich mit"

"Ich komme vom Norden her."

"Und ich vom Süden."

"Und ich vom Meer."

"Hei, das gibt einen Ringelreihn, Und die Brücke muss in den Grund hinein."

"Und der Zug, der in die Brücke tritt Um die siebente Stund?"

"Ei, der muss mit"

Mit diesem Gespräch zwischen drei Hexen, beginnt Fontanes Ballade „Die Brücke am Tay“.

Aushängeschild für Macht und Fortschritt

Katastrophengeschichten haben auf uns Menschen eine besondere Faszination. Sie liefern uns die Erkenntnis, dass wir trotz unserer Kranken-, Haftpflicht- und Hausratsversicherung dennoch nicht vor allem Unheil gefeit sind. Die Katastrophengeschichte lässt uns an der Essenz des Lebens schnuppern. Erst wenn wir dem Tod unausweichlich ins Auge blicken, spüren wir, was es wirklich heißt zu leben. So ist seit dem Film „Titanic“ die Vorstellung, eng umschlungen mit dem Liebsten gegen einen Eisberg zu donnern, gerade für empfindsame Gemüter der Gipfel der Romantik.

Die Katastrophengeschichte zeigt uns Menschen aber vor allem eines: Es gibt höhere Gewalten, gegen die auch unser technischer Fortschritt keine Chance hat.

Diese Botschaft hatte auch Fontane im Sinn, als er seine Ballade "Die Brücke am Tay" schrieb. In ihr verarbeitete er ein Zugunglück, welches sich nur wenige Wochen zuvor, am 28. Dezember 1879 in Schottland ereignet und Europa erschüttert hatte. Die Firth of Tay Bridge war ein Bauwerk, das weltweit seines Gleichen suchte. Erbaut aus 10 Millionen Ziegelsteinen führte sie über den Fluss Tay, welcher an dieser Stelle in die Nordsee mündet. Ein Aushängeschild für Macht und Fortschritt Großbritanniens. Bis zum 28. Dezember 1879.

Tand von Menschenhand

Ein fürchterlicher Sturm peitschte an diesem Abend über Schottland. Ein Sturm, welcher in Fontanes dichterischer Fantasie das Werk dreier Hexen war. Drei Hexen, welche schon in Shakespeares Drama "Macbeth" ihr Unwesen getrieben hatten und die eitlen Menschen zu bloßen Puppen degradierten, deren Schicksal sie mit sadistischem Vergnügen in den Abgrund lenkten. Auch die Fortschrittsgläubigen Passagiere des Zuges, welcher gegen 19 Uhr die Firth of Tay Bridge überquerte, sollten buchstäblich in diesem Abgrund landen. Die stolze Brücke brach im Sturm unter der Last des Zuges und dank ihrer zahlreichen Baumängel zusammen.

"Tand, Tand

Ist das Gebilde von Menschenhand."

So ergötzen sich Fontanes Hexen an der Katastrophe. Alle Passagiere kamen ums Leben. Viele von ihnen konnten nie geborgen werden. Ihre Leichen trieb die Strömung in die peitschende Nordsee hinaus.

Heute liest sich Fontanes Ballade wie ein Gruselmärchen aus einer versunkenen Epoche, geschrieben von einem alten Querulanten, der uns mit dem angenehmen Schauder der Katastrophengeschichte den technischen Fortschritt austreiben will. Erfolglos. Inzwischen sind die Brücken noch gigantischer und werden von modernsten Hochgeschwindigkeitszügen befahren. Im Juli 2011 rasten in China zwei solche Züge auf einer Eisenbahnbrücke ineinander.


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