Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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26. Oktober 1861 Johann Philipp Reis stellt Fernsprechgerät vor

Philipp Reis: Physiker, Erfinder und Wegbereiter des Telefons. Und das, obwohl er eigentlich nur Lehrer und noch dazu aus Hessen war. Autor: Hellmuth Nordwig

Stand: 26.10.2017 | Archiv

26 Oktober

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Autor(in): Hellmuth Nordwig

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Lehrer haben bekanntlich dauernd Ferien und sind nur deswegen in der Schule gelandet, weil sie zu nichts Gescheitem taugen. Das weiß jeder Stammtischbewohner. Da brauchen Sie nicht mit dem Argument zu kommen, dass es sehr wohl engagierte Lehrkräfte gibt. Dass manche sogar ihre Freizeit opfern, um den Unterricht noch ein bisschen spannender zu machen. So etwas können Sie genauso gut Ihrem Dackel erzählen. Der schaut Sie dann wenigstens treuherzig an.

Ein Lehrer, der Überstunden macht

Aber die Geschichte von Philipp Reis hat das Zeug dazu, so manchen schlichten Pädagogenhasser zum Nachdenken zu bringen. Dieser Reis war nämlich Physiklehrer an einem sogenannten Knabeninstitut in Friedrichsdorf. (Dass dieser Ort in Hessen liegt, erzählen Sie in einer bayerischen Wirtschaft besser nicht.) Möglichst anschaulich wollte Philipp Reis seinen Unterricht gestalten. Und dazu ließ er sich immer wieder mehr einfallen als seine Kollegen. Zum Beispiel eine Apparatur aus Eichenholz, die den Schülern zeigen sollte, wie unsere Ohren Schallwellen wahrnehmen. Dieses Gerät baute er, jawohl, in seiner Freizeit, und zwar im Schuppen hinter der Schule.

Als Trommelfell setzte er ein Stück Schweinsdarm ein, das der Metzger sonst zu Wursthaut verarbeitet hätte. Und statt der Gehörknöchelchen hatte er daran einen feinen Streifen aus Platin festgemacht. Der endete so nah an einem Metalldraht, dass er ihn berührte, wenn Schall den Darm zum Vibrieren brachte. Dann floss Elektrizität durch diesen Draht - der Schall wurde also in Strom umgewandelt. So wie bei den Gehörnerven. Das konnten sich die Schüler anschaulich vorstellen. Dank der freiwilligen Überstunden eines engagierten Lehrers, lieber Stammtisch.

Nachdem er schon mal dabei war, probierte Philipp Reis gleich noch etwas aus. Vielleicht wäre es ja möglich, an das andere Ende des Drahts einen weiteren Apparat anzuschließen. Der sollte den Strom wieder in Schall verwandeln.

Der Versuch gelang mit Hilfe einer "sprechenden Stricknadel", wie Reis sie nannte. Die wurde durch die Stromsignale in Schwingungen versetzt, die der Tüftler durch einem Resonanzboden verstärkte. Anfangs mit einer Geige, später mit einem schlichten Holzkästchen.

Ein Pferd frisst keinen Gurkensalat

Es war die Zeit, in der Nachrichten mit Tele-graphen übertragen wurden. Morsezeichen, zum Beispiel Didididiiiidiiiidididid. Philipp Reis nannte seine Anordnung Tele-Phon, denn das Gerät sollte beliebige Töne direkt an einen anderen Ort schicken. Das führte der stolze Erfinder am 26. Oktober 1861 dem Frankfurter Physikalischen Verein vor. Ehrwürdiges Publikum saß vor der präparierten Stricknadel. Der Draht führte in einen anderen Teil des Hauses. Dort sangen und spielten zwei Musiker vor einem membranbespannten Schalltrichter. Durch den hatte Philipp Reis die Wursthaut inzwischen ersetzt. Die Begeisterung hielt sich allerdings in Grenzen. Die Übertragung funktionierte nur in eine Richtung, und der Klang war grauenhaft. Reis schmollte und trat aus dem Verein aus.

Den Apparat hatte er vorher ausgiebig zu Hause getestet. Seinen Schwager hatte Philipp Reis gebeten, im Nebenraum sinnfreie Sätze in das Kunst-Ohr zu sprechen, die er ganz sicher nicht kennen würde. "Das Pferd frisst keinen Gurkensalat", ertönte es. Nun, heute wird ja am Telefon oft viel größerer Unsinn verzapft. Der Stammtisch kennt sicher Beispiele.


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