Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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23. September 1925 Neandertaler-Schädel in Weimar gefunden

"Weimar" ist scheinbar männlich geprägt - mit dem Namen der Stadt assoziieren fast alle die Namen Goethe oder Herder. Aber Weimar hatte natürlich auch weibliche Geistesgröße - und: die erste Bewohnerin des Ortes war eine Frau. Ihr eiszeitlicher Schädel wurde am 23.09.1925 gefunden.

Stand: 23.09.2011 | Archiv

23 September

Freitag, 23. September 2011

Autor(in): Gabriele Bondy

Sprecher(in): Ilse Neubauer

Redaktion: Thomas Morawetz / Wissenschaft und Bildung

In Weimar, das weiß man, dreht sich alles um den Geist. Und der ist hier - was keine Ausnahme ist - vor allem männlich geprägt worden. Ein eher glanzloser feministischer Versuch, "Weimar weiblich" erscheinen zu lassen, ist jedenfalls über die Ortsgrenze hinaus nicht populär geworden und auch im Städtchen selbst ständig vom Erlöschen bedroht. Natürlich sind uns Belesenen - weiblichen wie männlichen Kulturfans - durchaus toughe Frauen aus Weimars Geschichte bekannt ... wenn wir nur an Charlotte von Stein, Christiane Vulpius, Caroline Herder oder Johanna Schopenhauer denken. Alles geistreiche, witzige und attraktive Damen, die es nicht dabei beließen, sich am "Journal des Luxus und der Moden" -der "Brigitte" der Goethezeit - zu delektieren.

Doch deren jeweilige männliche Bezugsperson - mag es sich nun um den Liebhaber, Gatten oder Sohn gehandelt haben - beanspruchte viel Aufmerksamkeit und Pflege. Des ruhmreichen Werkes wegen. Versteht sich. Mögen die genannten Damen durchaus in Dichtung und Anekdotenschatz präsent sein und sogar selber recht Erhellendes zu Papier gebracht haben, ihre Männer stehlen ihnen leider immer noch die Show. Deshalb sei an dieser Stelle mal darauf hingewiesen, dass die erste Bewohnerin dieses hehren Ortes, der gelegentlich auch als Ilm-Athen durchgeht, eine Frau war!

Den Beweis dafür finden wir gleich neben der Orangerie vom Schloss Belvedere oberhalb Weimars. Einem Lieblingsziel übrigens für Spaziergänger von nah und fern. Hier wo "hoch der Lorbeer steht" und "die Zitronen blühn", sehnte sich Goethe trotzdem - oder gerade deswegen - nach dem sonnigen Süden. Die Eiszeit war ihm damals wohl noch ziemlich schnuppe. Wir Heutigen aber kommen nicht an ihr vorbei, denn justament fällt uns ein schlichter Stein ins Auge, auf dem geschrieben steht:

"Während einer Warmzeit im Eiszeitalter bildete sich am Fuße dieses Talberges aus kalkhaltigen Quellwassern das Travertinlager von Ehringsdorf. Zu dieser Travertinquelle kamen große Säugetiere zur Tränke, wie Waldelefanten, Bisons und Waldnashörner, die der eiszeitliche Mensch hier jagte. Beim Abbau des Travertins wurden Reste der Pflanzen- und Tierwelt sowie die Rastplätze der urgeschichtlichen Jäger freigelegt. Am 23. September 1925 stieß man hier in 18 Meter Tiefe auf den Schädel einer eiszeitlichen Frau."

Ja, wenn Goethe das geahnt hätte ...
Vielleicht wäre ihm seine schon zwanghaft zu nennende Suche nach dem Zwischenkieferknochen erspart geblieben, die ihn selbst in Venedig nicht ruhen und unverdrossen im Lidosand buddeln ließ ... Um zum Thema zurückzukommen: Später dann, als die Italiensehnsucht endlich bezähmt und in Dichtung verwandelt worden war, begann Goethe dann doch noch im heimischen Travertingestein zu graben. Ein Hobby, das selbst den Sohn begeistern konnte, der ansonsten nicht gerade berühmt dafür geworden ist, auf den Spuren des Vaters zu wandeln.

August von Goethe und der junge Schiller waren gemeinsam aufgebrochen, um die Ur- und Frühgeschichte Weimars zu erforschen. Sie wurden fündig. "Darüber ist große Freude", schreibt Charlotte Schiller, "Goethe, Meyer und Riemer sind auf die Stelle gewallfahrtet und haben Nachsuchungen angestellt und auch versteinerte Knochen gefunden ...". Die werden allerdings vom Waldelefanten gewesen sein ... Schade eigentlich, denn das Gedicht über den Schädel der Eiszeitfrau blieb somit ungeschrieben ... Es hätte so manches Herz zum Schmelzen bringen können.


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