Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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23. August 1799 Fraunhofer wird Glaserlehrling in München

Um 1800 konnte in München schon ab und zu einmal ein morsches Haus in sich zusammenstürzen, aber einmal lag tatsächlich ein Genie unter den Trümmern: der Glaserlehrling Joseph Fraunhofer. Am 23. August 1799 hatte der Bub seine Lehre in dem Haus begonnen, nach der Rettung begann seine Karriere.

Stand: 23.08.2010 | Archiv

23 August

Montag, 23. August 2010

Autor(in): Christian Feldmann

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Redaktion: Thomas Morawetz

Ein schlimmeres Unglück kann einem wohl kaum zustoßen als jenes, verschüttet zu werden. Bewegungsunfähig, mit zerschlagenen Knochen im Finstern unter einem Haufen Schnee oder Schutt zu liegen und zu spüren, wie der Sauerstoffvorrat geringer wird. Im Juli 1801 stürzten im Münchner Thiereck-Gäßl zwei Häuser mit ohrenbetäubendem Lärm in sich zusammen, eine unbekannte Zahl von Menschen wird verschüttet, unter ihnen ein vierzehnjähriger Glaserlehrling namens Joseph Fraunhofer. Der Polizeibericht schildert das Drama mit schaudernder Freude am Detail: „Man erfuhr, daß es der Lehrjung sey, der noch lebte, und Anfangs einen Finger, dann die Hand, endlich einen Arm herausstreckte. Man … brachte ihn endlich nach vierstündiger rastloser, lebensgefährlicher Arbeit, ohne daß etwas an ihm Schaden gelitten hätte, ans Tageslicht (…). Seine kurfürstliche Durchlaucht (…) ermunterte die Arbeiter (…)“

Aha, man sieht schon, wie sich der Alptraum für den Lehrbuben zum Segen wendet. Denn dass er und sein Lehrmeister Philipp Anton Weichselberger die Katastrophe überlebten, galt als ein Wunder, und Kurfürst Maximilian IV. Joseph – der spätere König Max I. – nahm lebhaften Anteil am Geschick der beiden Volkshelden. Man erzählte ihm, dass der Bub mit zehn Jahren seine Mutter, mit elf auch den Vater verloren hatte. Gerührt schenkte der Kurfürst dem Waisenknaben acht Goldkarolinen – und sorgte dafür, dass ihn sein überstrenger, bildungsfeindlicher Lehrherr endlich die Feiertagsschule besuchen ließ.

Jetzt hatte er endlich Glück, der Waisenknabe, der aus einer Straubinger Glaserfamilie stammte und gar nicht auf die Idee gekommen war, einen anderen Beruf zu ergreifen; am 23. August 1799 hatte er seine Glaserlehre beim Meister Weichselberger begonnen. Doch nach der Katastrophe im Thiereck-Gäßl war auch der einflussreiche Finanzbeamte, Schuldirektor und Unternehmer Joseph von Utzschneider auf den talentierten Jungen aufmerksam geworden. Er holte ihn in seine Manufaktur, ließ ihn Linsen schleifen und optische Apparate entwickeln – und übertrug Fraunhofer, kaum war er 22 Jahre alt geworden, die Leitung der Fabrik.

Utzschneider hatte sich nicht in seinem Schützling getäuscht. Der junge Opticus Fraunhofer sollte sich geradezu als Genie erweisen. Er konstruierte hervorragende Fernrohre und Mikroskope und erfand eine Poliermaschine, die unabhängig von der handwerklichen Geschicklichkeit des Bedienpersonals Präzisionsarbeit leistete. Sein Meisterstück war das Riesenfernrohr, das 1824 an die Sternwarte im russischen Dorpat geliefert wurde, in 21 Kisten.

Sein Spektroskop, mit dem Licht in sein Spektrum zerlegt werden kann, revolutionierte die Astronomie. Als erster maß er die Länge von Lichtwellen. Mit einem von Fraunhofers Fernrohren wurde zwanzig Jahre nach seinem Tod in der Berliner Sternwarte der Planet Neptun entdeckt. Die nach ihm benannten dunklen Linien im Sonnenspektrum erlauben Rückschlüsse auf die Temperatur der Sonnenoberfläche. Und so weiter und so fort. Und doch erhob sich in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften Widerspruch, als der Opticus in den erlauchten Kreis aufgenommen werden sollte: Fraunhofer habe keine wissenschaftliche Ausbildung und werde den Verhandlungen der Akademie gar nicht folgen können! Am Ende fand man einen Kompromiss: Fraunhofer wurde als „außerordentliches besuchendes“ Mitglied, wie das hieß, aufgenommen. Zum Trost bekam er vom König den persönlichen Adelstitel.

Er starb 1826, mit erst 39 Jahren; seine Gesundheit war immer schwach gewesen, und vielleicht war er einfach zu sorglos mit Bleioxyd und anderen gefährlichen Chemikalien umgegangen.


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