Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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22. Februar 1828 Friedrich Wöhler gelingt Harnstoffsynthese

Bis heute gilt Friedrich Wöhler als Heros der Chemie, Philosophie, Biologie, ja der Geschichte. Ihm gelang am 22. Februar 1828 die künstliche Herstellung von Harnstoff. Doch was hat es genauer damit auf sich?

Stand: 22.02.2012 | Archiv

22 Februar

Mittwoch, 22. Februar 2012

Autor(in): Hellmuth Nordwig

Sprecher(in): Andreas Wimberger

Redaktion: Thomas Morawetz

Manche Legenden halten sich ausgesprochen hartnäckig. Zum Beispiel die, der deutsche Chemiker Friedrich Wöhler habe zum ersten Mal eine Substanz im Labor hergestellt, die zuvor nur aus der Welt des Lebendigen bekannt war: Harnstoff - der Stickstoff-Restmüll des Körpers, den wir mit dem Urin ausscheiden. Nicht weniger als eine Revolution in der Wissenschaftsgeschichte habe da stattgefunden: der Beweis dafür, dass es eben keiner besonderen Lebenskraft bedürfe, keiner vis vitalis, um

zu erzeugen, was in Lebewesen vorkommt. Der Schritt von der toten zur belebten Materie, ja das Geheimnis des Lebens - es sei an jenem Tag in einer simplen chemischen Reaktion im Reagenzglas dahingeschmolzen.

Harn und Kult

So steht es auf Tausenden von Internetseiten und in ungezählten Büchern zur Philosophie, Biologie oder Geschichte. Natürlich auch in Lehrwerken wie dem "Beyer", der viele Studenten seit der Mitte des 20. Jahrhunderts durch die Klippen der Organischen Chemie führt. Deren Geburtsstunde setzt der Autor des Kultbuchs für Chemiker wie selbstverständlich mit Wöhlers Harnstoffsynthese gleich.

Wie in allen Legenden ranken sich auch hier große Mythen um einen kleinen wahren Kern. Richtig ist immerhin, dass der junge Berliner Chemielehrer Friedrich Wöhler am 22. Februar 1828 einen Brief an einen der ganz Großen seines Fachs schrieb: an den Schweden Jöns Jakob Berzelius. Bei dem hatte er in Stockholm studiert. "Lieber Herr Professor!", hob Wöhler leutselig an, um ein paar Sätze später endlich sein Anliegen loszuwerden: "Ich kann, so zu sagen, mein chemisches Wasser nicht halten und muss Ihnen sagen, dass ich Harnstoff machen kann, ohne dazu Nieren oder überhaupt ein Tier, sey es Mensch oder Hund, nöthig zu haben." Die technischen Details ersparen wir uns, nicht aber das Schlüsselexperiment: Es bedurfte nun weiter Nichts als einer vergleichenden Untersuchung mit Pisse-Harnstoff, den ich in jeder Hinsicht selbst gemacht hatte." Wöhler fand keinen Unterschied zum Harnstoff aus der Retorte.

Entzauberte Lebenskraft

Das war freilich keineswegs die erste Synthese einer Substanz aus dem Reich des Lebens. Wöhler selbst hatte drei Jahre zuvor Oxalsäure hergestellt, die in Sauerampfer und Rhabarber vorkommt. Und mehr als vier Jahrzehnte früher hatte Carl Wilhelm Scheele Blausäure fabriziert - sie heißt so nach der Gesichtsfarbe derer, die sie, meist unfreiwillig, einatmen. In Mandel- und Apfelkernen ist sie in einer harmlosen Form enthalten. Die "Lebenskraft" war also schon längst entzaubert, als Friedrich Wöhler mit Harnstoff nachtröpfelte. Zwölf Jahre zuvor war bereits der Goethe-Freund Johann Wolfgang Döbereiner zum Schluss gekommen: "So sehen wir, dass auch in der organischen Natur das (...) Gesetz der chemischen Verbindung, vom Anfange bis zum Ende, waltet."

Warum gerade der Harnstoff eine Legende begründet hat, die sich bis heute hält, das gibt der Fachwelt immer noch Rätsel auf. Selbst Chemie-Koryphäen haben sie befördert, die es eigentlich hätten besser wissen müssen. Etwa der berühmte Justus von Liebig. Ihn hat mit Friedrich Wöhler eine lebenslange Freundschaft verbunden - und da nimmt man es bekanntlich mit der Wahrheit nicht immer ganz genau.


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