Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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21. April 1960 Brasilia wird zur Hauptstadt Brasiliens

Mitten ins dünn besiedelte Hochland Brasiliens wurde eine neue Großstadt gesetzt - Brasilia. Das Planungs- und Gestaltungswunder löste am 21. April 1960 Rio de Janeiro Hauptstadt ab und galt als Stadt der Zukunft.

Stand: 21.04.2011 | Archiv

21 April

Donnerstag, 21. April 2011

Autor: Herbert Becker

Sprecher: Andreas Wimberger

Redaktion: Thomas Morawetz / Wissenschaft und Bildung

Irgendwo, weit im Westen, mitten im Atlantik, lag eine Insel. Es war die Insel des Glücks, die Insel der Tugend, die Insel, auf der die Menschen in Häusern mit goldenen Dächern lebten. Ihr Name war Hy Breasal. Noch im Mittelalter gab es Seekarten, in denen die Insel aus der Mythologie der irischen Kelten eingezeichnet war. Inzwischen ist sie verschwunden - von den Karten und aus dem Bewusstsein der Menschen. Nur der Klang des Wortes - Hy Breasal - hat sich erhalten. In: Brasilien.

Seefahrer, die an der Küste Südamerikas landeten und glaubten, das sagenumwobene Eiland erreicht zu haben, sollen dem Land seinen Namen gegeben haben. Und ein wenig von der Magie, die in "Hy Breasal" steckt, scheint auf "Brasilien" übergegangen zu sein. Natürlich, Häuser mit goldenen Dächern gibt es in Brasilien kaum, aber schon allein geografische Begriffe wie "Amazonas" oder "Copacabana" oder "Rio de Janeiro" beflügeln unsere Fantasie. Seltsam eigentlich, dass ausgerechnet der Name der Hauptstadt - "Brasilia" - kaum romantische Assoziationen weckt. "Brasilia" und "Hy Breasal" sind weit auseinander.

Dabei ist die Stadt wirklich einzigartig. Sie liegt im zentralen Hochland Brasiliens, das bis zum Ende der 1950er Jahre äußerst dünn besiedelt war. Um es zu bevölkern, entschloss man sich, eine neue Metropole zu errichten - funktional und hypermodern, kurz: die Stadt der Zukunft. Innerhalb von tausend Tagen setzten 50.000 Bauarbeiter die kühnen Pläne der Architekten um, und am 21. April 1960 löste Brasilia Rio de Janeiro als Hauptstadt ab.

Der Grundriss der Stadt gleicht einem Flugzeug. Das Cockpit ist dort, wo sich die Hauptachse, an der die Ministerien und Botschaftsgebäude liegen, mit den symmetrisch angeordneten Reihen der Wohnblocks kreuzt. Im Zentrum erheben sich das Kongressgebäude, die Kathedrale und andere öffentliche Prestigebauten von großem architektonischem Reiz. Umgeben sind sie von Gartenanlagen mit hübschen Teichen und modernen Skulpturen. Die Stadtanlage ist so beeindruckend, dass sie von der Unesco unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Trotzdem leben die wenigsten Menschen gern in Brasilia. Politiker, Diplomaten und Beamte müssen mit Dienstvillen, Freiflugscheinen, Ortszuschlägen und Sonderurlauben angelockt werden, Wirtschaftsunternehmen wandern so gut wie gar nicht zu. Dafür haben sich die Arbeiter, die am Bau der Stadt beteiligten waren, hier niedergelassen. Zusammen mit Dienstboten, Schuhputzern und Parkwächtern bevölkern sie die Armenviertel in den Randbezirken. Rund ein Drittel ihres Einkommens geben sie für den Bus aus, mit dem sie zur Arbeit fahren. An sie hatte man bei der Planung einfach nicht gedacht. Man hatte angenommen, der Mensch der Zukunft werde sich ausschließlich im Auto fortbewegen.

Es wurden noch ein paar andere Fehler gemacht. Inzwischen bröckelt der Beton. Die Häuser haben Risse. Die Decken sind undicht. Und die Zukunft, die Brasilia repräsentieren sollte, gehört der Vergangenheit an. Fast hat es den Anschein, als würde die Stadt in nicht allzu ferner Zeit von der Landkarte verschwinden. Und aus dem Bewusstsein der Menschen. So wie Hy Breasal.


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