Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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18. März 1847 Die Scharfrichterdynastie Sanson erlischt

Am Anfang war es Liebe! Die Liebe eines Leutnants zu einem Mädchen begründete die französische Scharfrichterdynastie der Sanson. Generationen später gab der letzte Sanson am 18. März 1847 seine Guillotine auf.

Stand: 18.03.2013 | Archiv

18 März

Montag, 18. März 2013

Autor(in): Xaver Frühbeis

Sprecher(in): Andreas Wimberger

Grafik: Angela Smets

Redaktion: Thomas Morawetz

Die Geschichte fing damit an, dass der Leutnant Charles-Louis Sanson de Longval vom Pferd fiel. Als er wieder aufwachte, lag er in einem fremden Haus, und die hübsche Tochter des Hausherrn pflegte ihn gesund. Klar, dass der Leutnant sich in sie verliebt hat. Seltsam war bloß, dass weder sie noch ihr Vater ihm verraten wollten, wer sie waren. Später, in der Stadt, stellte er Nachforschungen an und fand heraus, dass er sich tatsächlich in die Tochter des Henkers von Rouen verliebt hatte.

Versehentlich daneben

Da war jetzt guter Rat teuer. Der Henker war eine Person außerhalb der Gesellschaft. Sein Haus stand abseits, man sprach nicht öffentlich mit ihm, im Wirtshaus hatte er einen eigenen Tisch, an dem kein Anderer Platz nahm, die Söhne eines Henkers durften keinen anderen Beruf als den ihres Vaters ausüben, und ihre Töchter durften nur wieder Henker heiraten. Die Folge waren richtiggehende Scharfrichterdynastien: Familien, deren Mitglieder Jahrhunderte lang kein anderes Auskommen hatten als Menschen vom Leben zum Tod zu bringen. Unser Leutnant stand also vor einer schweren Entscheidung. Wenn er seine Geliebte heiraten wollte, bedeutete das, dass er selbst Henker werden musste. Und: Charles-Louis Sanson de Longval entschied sich: Im Jahr 1675 ehelicht er seine Geliebte und wurde auch noch  Assistent seines Schwiegervaters und hat damit die große Scharfrichterdynastie der Sansons begründet.

Über sechs Generationen hinweg, fast 200 Jahre lang, haben die Sansons in Frankreich Leute gehängt und geköpft, die Bauern mit dem Beil, die Adeligen mit dem Schwert, und mit der Guillotine alle beide.

Die war zur Zeit der Französischen Revolution aufgekommen. Für sie eingesetzt hatte sich der Urenkel unseres Leutnants, der berühmteste aller Sansons: Charles-Henri, genannt "Le Monsieur de Paris - der Herr von Paris". Durch seine Hand fielen die Köpfe von Adeligen und Revolutionären, und das reihenweise. Früher hatte der Delinquent oft leiden müssen, wenn der Henker mit dem Schwert versehentlich danebenhieb. Der neue Köpfautomat machte die Sache sauber und blitzartig, das Schlachtfest auf dem Schafott hatte ein Ende.

Fließbandköpfen und Hausmusik

Allerdings geriet das Köpfen durch die Schnelligkeit der Guillotine zur Fließbandarbeit. 12 Adelige in 20 Minuten waren in den Tagen der Revolution keine Seltenheit. Und dabei darf man ja sich keinesfalls vorstellen, dass einem Henker der Beruf immer nur Spaß gemacht hat. Scharfrichter waren Menschen wie du und ich, auch sie hatten zarte Empfindungen, erfreuten sich an Blumen und spielten abends Hausmusik. Ihre Abstammung empfanden sie oft als Fluch.

Mit dem Enkel von "Le Monsieur", der sechsten Generation nach dem Leutnant, fand die Sache in der Familie der Sansons denn auch ein Ende. Der unglückliche Henri-Clément Sanson war dem Spiel verfallen, er hatte Schulden, und eines Tages hat er einfach seine Guillotine ins Leihhaus getragen. Zur nächsten Hinrichtung tauchte er dann mit dem uralten Henkerbeil seiner Familie auf. Die Behörden waren verdutzt, er musste alles erklären, der französische Staat hat seine Schulden übernommen und die Guillotine wieder ausgelöst.

Diese eine Exekution musste er noch vornehmen, kurz darauf, am 18. März 1847, wurde Henri-Clément Sanson dann entlassen. An dem Tag hatte die generationenlange Amtszeit der Scharfrichterfamilie Sanson ein Ende. Henri-Clément nahm einen anderen Namen an, zog in eine ferne Stadt, wo ihn niemand kannte, und schrieb die Geschichte seiner Familie nieder. Und seine Guillotine, die ist er ein paar Jahre später endgültig losgeworden. Er hat sie verkauft. An den Sohn von Madame Tussaud. Für's Wachsfigurenkabinett in London.


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