Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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9. März 1822 Patent auf Zahnersatz

Was tun, wenn die Zähne ausfallen? Seit jeher versuchten die Menschen, der Lücke mit Mut zu begegnen. Doch meist gelangen nur teure Notlösungen. Auch das Patent, das Charles M. Graham am 9. März 1822 für künstliche Zähne erhielt, konnte daran noch nicht viel ändern.

Stand: 09.03.2011 | Archiv

09 März

Mittwoch, 09. März 2011

Autor: Thomas Morawetz

Sprecherin: Ilse Neubauer

Redaktion: Thomas Morawetz / Wissenschaft und Bildung

Was mag sich die Natur dabei nur gedacht haben? Nach den Milchzähnen gönnt sie dem Menschen nur noch einen einzigen Satz Zähne! Für den ganzen Rest seines Lebens, das doch gerade erst richtig angefangen hat! Kann das gutgehen? Nein, es ist noch nie gutgegangen, und wenn die Evolution nicht eines Tages noch einen dritten Satz drauflegt, wird es auch in Zukunft nicht gutgehen.

Das hat der Mensch schon früh begriffen, und versucht seitdem, selbst nachzulegen. Erste schöne Erfolge erzielten schon um 700 v. Chr. die Etrusker. Sie machten einen falschen Zahn mit dünnen Goldstreifen links und rechts an zwei gesunden Zähnen fest. Solche falschen Zähne waren meist zurecht geschliffene Tierzähne, die nach einiger Zeit gerne die Farbe wechselten, und man trug sie vor allem im Schneidezahnbereich. Es ging also mehr um Kosmetik, denn kauen konnte man damit kaum. Bezahlen konnten solche Prothesen natürlich nur die Eliten.

Aber das Grundprinzip für Zahnersatz war damit zunächst mal gefunden und erhielt sich bis weit in die Neuzeit. Dabei hatte man schnell bemerkt: Die fremden Materialien verursachen gerne Infektionen im Mund. Umso mehr, als auch menschliche Zähne als Zahnersatz immer beliebter wurden. Die sahen so schön echt aus, und es gab sie in Hülle und Fülle - man brach sie gern den Leichen auf den Schlachtfeldern aus.

In den 1770er-Jahren machte ein schottischer Chirurg von sich reden. John Hunter pries gesunde Fremdzähne an, die er in leere Zahnhöhlen verpflanzte. Doch wer waren die Spender? Man ahnt es: Menschen, die Geld noch dringender brauchten als die eigenen Zähne. Wenn übrigens der erste gerissene Zahn dem Empfänger nicht recht passte, hielt sich der Spender solange bereit, bis ein schöneres Ergebnis erzielt war.

Dieses Geschäftsmodell hatte sich bereits zehn Jahre später in den jungen USA bewährt: Der New Yorker Dentist Jean Pierre Le Mayeur inserierte: Wer ist willens und bereit, sich die Vorderzähne ziehen zu lassen? Für jeden Zahn zahlte er ganze vier Guineas, heute gut fünf Dollar. Er konnte davon gut leben.

Soweit also die Einzelzähne, Kleinkram. Wenn aber viele Zähne fehlten, mussten mit Zähnen bestückte Platten angefertigt werden. Der wohl berühmteste der frühen Vollprothesen-Träger war George Washington. Von ihm ist ein Prachtexemplar auf Nilpferdzahnbasis erhalten, auf dem menschliche Zähne befestigt sind. Eingraviert ist unter anderem der Name des stolzen Künstlers - John Greenwood. Der hatte seine Prothesen häufig nur nach Beschreibungen per Brief angefertigt und der Kundschaft dann mit der Post zugeschickt. Washington jedenfalls zog es in Gesellschaft vor, sich zum Suppeessen zurückzuziehen.

Immerhin, einige Jahre später, am 9. März 1822, konnte der New Yorker Dentist Charles M. Graham das erste US-Patent für die Verbesserung in der Konstruktion künstlicher Zähne erwerben. Doch gut Lachen hatten die Patienten deswegen immer noch nicht. Noch Jahre später treiben Lehrbücher über Zahnersatz dem heutigen Leser den Angstschweiß auf die Stirn. Vor allem, wenn von der Befestigung einzelner Zähne mit Stiften die Rede ist, und das unter besonderer Berücksichtigung von nicht toten Zahnnerven.

Erst die Erfindung der Narkose und der Einsatz von Kautschuk als Rohmaterial für Prothesen machte vieles besser. Und jetzt - endlich! - konnten sich auch die Ärmeren Zahnersatz leisten. Wobei - gut möglich, dass die knappen Kassen da schon bald nicht mehr mitspielen. Dann bleibt wieder nur die Hoffnung auf die Natur, dass die eben noch einmal nachlegt. Einen dritten Satz Zähne! Bitte!


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