Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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7. September 1919 Erste freie Waldorfschule eröffnet

Die Waldorfschulen verdanken sich vor allem dem sozialen Engagement eines Tabakwarenfabrikanten. Emil Molt, Inhaber der Zigarettenfabrik Waldorf Astoria, war ein großer Anhänger von Rudolf Steiner. Am 7. September 1919 eröffneten die beiden die erste Waldorfschule.

Stand: 07.09.2010 | Archiv

07 September

Dienstag, 07. September 2010

Autor(in): Katja Hartosch

Sprecher(in): Johannes Hitzelberger

Redaktion: Thomas Morawetz / Wissenschaft und Bildung

"Das Leben ist eine Schule. Wohl dem, der die Prüfung besteht". Das soll Rudolf Steiner einmal gesagt haben, der Begründer der Anthroposophie. Ob das wohl einer der Sprüche war, die während des Ersten Weltkrieges als Beilage in den Zigarettenpäckchen der Marke "Astoria" zu finden waren? 

Tatsächlich gab es damals Tabakwaren mit aufmunternden Weisheiten. Die Idee hatte Emil Molt, Inhaber der Zigarettenfabrik "Waldorf-Asotria" und ein großer Freund Rudolf Steiners. Die Zettel in den Zigarettenpäcken waren deshalb nicht nur Werbung für den Unternehmer Molt, sondern auch seine Art, Steiners Philosophie unter die Leute zu bringen. Das Zigarettenpäcken als Massenmedium sozusagen. Die Soldaten an der Front zählten zu seinen größten Abnehmern. Und so ging bald Erbauliches von Rudolf Steiner in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges von Hand zu Hand.

Nach dem Krieg gerieten viele Menschen in Not und Elend. Manche sehnten sich zurück nach der alten Ordnung, andere suchten nach Alternativen zu den Lebensformen, die in die Katastrophe geführt hatten. Ein reformistischer Geist lag in der Luft. Die Gesellschaft sollte neu gestaltet werden

Rudolf Steiners Anthroposophie, seine esoterischen Ansichten über Mystik, Christentum, Reinkarnation und Karma, kam zur rechten Zeit. Steiner sprach aber nicht nur von Religion und Mystik. Er entwarf auch politische Thesen zur Neuordnung der Gesellschaft und folgte den Leitbegriffen der Französischen Revolution: Die Freiheit sollte in der Kultur, die Gleichheit in der Politik und die Brüderlichkeit in der Wirtschaft verwirklicht werden.

Für viele Menschen war Steiner Inspirationsquelle und Wegweiser. Auch für Emil Molt. Er war nach dem Krieg auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Seine Zigarettenfabrik zählte rund 1.000 Beschäftigte und der anspruchsvolle Raucher kannte die Marke "Waldorf-Astoria". Doch der Krieg hatte auch bei ihm Spuren hinterlassen. Auch er glaubte an die Notwendigkeit von Veränderungen.

Die philosophischen Beipackzettel in den Zigarettenpäckchen waren ihm nicht mehr genug, und so machte er kurzerhand seine eigene Firma zum Pilotprojekt: Er ließ einen Betriebsrat wählen, erwarb Erholungsheime für seine Arbeiter und gab fortan die betriebsinternen "Waldorf-Nachrichten" heraus.

Eine Begegnung, so will es die Legende, soll folgenreich gewesen sein: Als Molt eines Tages durch seine Firma ging, erzählte ihm einer seiner Arbeiter vom großen Schulerfolg des Sohnes. Der hatte es geschafft, von der Volks- in eine höhere Schule versetzt zu werden. Ein gesellschaftlicher Aufstieg, von dem der Vater nur hatte träumen können. Nach diesem Gespräch stand für Molt der Entschluss fest, eine Schule für Arbeiterkinder zu gründen. Eine Schule, die diesen Kindern nicht nur eine bessere Bildung gewährt, sondern die auch eine neue Gesellschaft vorbereiten hilft. Eine Schule, in der Freiheit und nicht Gehorsam gelehrt wird.

Niemand, fand Molt, konnte für so ein Projekt besser geeignet sein, als Rudolf Steiner! Und Steiner willigte ein. Er übernahm Schulleitung und Lehrerausbildung. Kurze Zeit später richteten die beiden in einem ehemaligen Ausflugslokal eine fabrikeigene Schule ein. Am 7. September 1919 eröffnete die weltweit erste Waldorfschule in Stuttgart mit rund 200 Schülern ihre Pforten. Vieles am pädagogischen Konzept war absolut neu: Jungen und Mädchen wurden gemeinsam unterrichtet und es gab keine Noten.

Und Zigaretten gab´s natürlich auch nicht. Rudolf Steiner hat später in Vorträgen genau ausgeführt, wie zuviel Nikotin im Körper Gesundheit - und sogar Gedankenkraft untergraben soll.


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