Bayern 2 - Das Kalenderblatt


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4. Oktober 1918 Brieftaube rettet Soldaten bei Verdun

Am 4. Oktober 1918 rettete die Brieftraube Cher Ami bei Verdun einem Trupp amerikanischer Soldaten das Leben. Ihr Einsatz hätte sie beinahe selbst das Leben gekostet. Heute steht sie ausgestopft in einem Washingtoner Museum.

Stand: 04.10.2013 | Archiv

04 Oktober

Freitag, 04. Oktober 2013

Autor(in): Brigitte Kohn

Sprecher(in): Ilse Neubauer

Illustration: Angela Smets

Redaktion: Thomas Morawetz

Die Taube ist mehr als ein Vogel, sie ist ein Symbol: für den Heiligen Geist, für die Liebe und für den Frieden. Kaum ein anderes Tier kann von sich behaupten, so viele erfreuliche Dinge auf einmal zu verkörpern. Auch als Botenvogel hat sie eine jahrtausendealte Tradition, man denke nur an die mit dem Ölzweig aus der Arche Noah, die das Ende der Sintflut anzeigte.

"Selbstreproduzierender Kleinflugkörper"

Weniger bekannt ist, dass Botentauben auch im Krieg Verwendung fanden. Als "selbstreproduzierende Kleinflugkörper auf biologischer Basis mit fest programmierter Rückkehr" tauchen sie in einem Merkblatt der Schweizer Armee auf, die ihren Armeebrieftaubendienst erst 1995 auflöste.

Fest programmierte Rückkehr? Nun, Tauben sind auf ihren heimischen Schlag geprägt und wollen dorthin zurück, koste es, was es wolle. Klein sind sie auch und somit schwerer abzuschießen als ein Transportflugzeug. Unbestreitbare Vorteile, die dazu führten, dass allein im Ersten Weltkrieg etwa 500.000 Tauben zum Einsatz kamen. Viele von ihnen gingen verloren oder im Kugelhagel zugrunde, doch hin und wieder brachte es eine zu militärischem Ruhm. Die verdiente, häufig verwundete und hochdekorierte Armeebrieftaube Mary of Exeter hat heute noch einen Grabstein auf einem britischen Tierfriedhof. Und Cher Ami, amerikanische Brieftaube aus dem Ersten Weltkrieg, steht heute ausgestopft im Washingtoner Nationalmuseum für amerikanische Geschichte. Auf einem Bein, wie man sich das von einem Veteran nicht anders erwartet. Das andere ist ihr weggeschossen worden.

Taube mit Holzbein

Cher Ami hat Geschichte geschrieben, und zwar bei einem Einsatz am 4. Oktober 1918. Die amerikanische 77.

Infanterie-Division unter dem Kommando von Major Charles Whittlesey hatte tags zuvor den Versuch unternommen, den Argonner Wald bei Verdun einzunehmen. Dabei war sie von den deutschen Truppen umzingelt und eingeschlossen worden. Als die amerikanische Artillerie bald darauf die Deutschen unter Beschuss nahm, ahnte niemand, dass sich hinter den feindlichen Linien auch die eigenen Leute befanden. Doch das verlorene Bataillon hatte zum Glück Cher Ami dabei, eine Brieftaube in einem Käfig. Major Whittlesey band ihr eine Nachricht ans Bein: "Unsere eigene Artillerie hat uns unter Beschuss. For heaven's sake, stop it!" Wenig später erreichte Cher Ami das amerikanische Lager und rettete so 194 Soldaten das Leben.

Sie selbst jedoch war mehr tot als lebendig. Eine Kugel hatte ihre Brust verletzt, und das rechte Bein hing nur noch an einem Hautfetzen. Armee-Ärzte operierten sie hingebungsvoll und  schnitzten ihr sogar ein Holzbein. Und die Franzosen verliehen ihr den Orden "Croix de Guerre". Immerhin konnte sie noch ein Jahr leben, ehe sie an den Folgen ihrer Kriegsverletzungen starb. Ob die kleine Invalidin es genoss, dass man sie wie eine Nationalheldin feierte und verwöhnte, weiß man nicht. Wohl eher nicht. Tauben verstehen so gar nichts von Soldatenehre, und Orden sind ihnen auch egal.


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