Bayern 2 - Das Kalenderblatt


4

1. Oktober 1977 Erster Welt-Vegetarier-Tag

Früher mussten die Heiligen helfen. Um die Idee zu verbreiten, dass der Mensch künftig fleischlos essen soll, hätte man die Schutzpatrone der Viecher anrufen müssen. Heute hat man den Weltvegetariertag. Autor: Thomas Grasberger

Stand: 01.10.2015 | Archiv

01 Oktober

Donnerstag, 01. Oktober 2015

Autor(in): Thomas Grasberger

Sprecher(in): Hans-Jürgen Stockerl

Illustration: Tobias Kubald

Redaktion: Frank Halbach

Früher - so viel Plattitüde sei ausnahmsweise an dieser Stelle erlaubt - früher war alles irgendwie persönlicher. Man hatte seine festen Ansprechpartner. Für die Schuhe war der Schuster da, für das Brot der Bäcker, für die Post die Post. Und so weiter. Jeder war für irgendetwas persönlich zuständig. Und zwar nicht nur auf Erden. Sondern auch droben, in den metaphysischen Höhen des Himmels. Da gab es zum Beispiel für die Feldfrüchte im Allgemeinen die Walburga. Und für das Korn im Besonderen den Jakobus. Für die umfassende Fruchtbarkeit der Felder wiederum - das war ein sehr großes Ressort! - hatte man gleich drei leitende Heilige: nämlich die Agatha, den Paulus und den Johannes Evangelist. Bei diesem Grad der Spezialisierung mag es nicht verwundern, dass sich da oben Tausende Schutzheiliger tummelten, um sich um alle möglichen Belange des Lebens und des Sterbens zu kümmern. Hat zum Beispiel ein Bauer gesoffen wie ein Loch, musste die Bäuerin nur lang genug den heiligen Martin anbeten - der war nämlich Schutzpatron der Anti-Alkoholiker - und schon hat´ s geholfen. Manchmal jedenfalls.

Salvius, Superius, Christopherus, Brigida…

Heutzutage ist das Leben ein bisschen unpersönlicher geworden. Nüchterner! Profaner! Denn wer würde im Alltag unserer komplexen Welt schon noch mit dem riesigen Geflecht von Schutzheiligen zurande kommen? Man stelle sich nur einmal folgendes vor: Jemand kommt auf die Idee, dass die Menschen künftig keine Tiere mehr essen sollen. Kein Fleisch, keinen Fisch! Weil es ungesund ist - vor allem für die Tiere. Aber auch aus ökologischen Gründen! Und überhaupt!

Was wäre - nach dem alten Schutzheiligen-Modell - zu tun? Erst einmal müssten die Schutzpatrone der Viecher angerufen werden: Salvius und Superius. Dann wäre mindestens je ein "Vater unser" fällig für die drei Schutzheiligen des Geflügels sowie für die fünf Patrone gegen den Blutfluss. Gleichzeitig müsste man vehement gegen die Vertreter der Geflügelhändler und der Geflügelhöfe anbeten: also gegen Christophorus und die Brigida.

Damit wären aber erst die Hühner und Puten geschützt gewesen! Was wäre mit den Schweinen und Rindern?

…oder einfach Welt-Vegetarier-Tag.

Nicht zu vergessen der Aufwand, der nötig ist, um die sieben Schutzheiligen der Metzger dauerhaft in Schach zu halten. Gleichzeitig müssten man noch die eingangs erwähnten Patrone der Müsli- und Körnerfraktion aktivieren, um seine fleischlosen Ziele zu erreichen. Es wäre unendlich kompliziert und aufwändig. Wie gut, dass es heute einfachere, zeitgemäße Formen der Anrufung höherer Mächte gibt. Zum Beispiel den Welt-Vegetarier-Tag! Kein umständliches Wälzen von Heiligenlexika mehr! Kein Abwägen, welcher Patron der effizienteste ist! Nein. Einfach nur auf den Kalender schauen und sagen: "Heute ist der 1. Oktober! Da hau ich kein Tier in die Pfanne. Kein Öl für Blut! Und auch keine Butter! Kommt, sagt es allen weiter: Heute kommt kein Fleisch ins Haus! Denn heute ist 1. Oktober! Welt-Vegetarier-Tag!" - Der wird übrigens seit 1977 gefeiert. Damals wurde auf Initiative der nordamerikanischen Vegetarier-Organisationen am Welt-Vegetarier-Kongress in Schottland ein solcher Weltvegetariertag ausgerufen. Seither feiern vegetarische Organisationen überall auf der Welt ihren Tag. Und jeder kann mitmachen. Aber Vorsicht! Ganz so einfach ist es dann auch wieder nicht. Aktionstage allein machen noch keinen Vegetarier. Schließlich ist man ja auch noch kein Tierschützer, bloß weil man am Weltspartag sein Sparschwein nicht geschlachtet hat.


4