Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung


28

Die Reise der Zugvögel Von Australien in die Arktis

Zugvögel leisten Unglaubliches - beispielsweise manche Watvögel: Sie brüten in der Arktis, doch den Winter verbringen sie 10.000 Kilometer entfernt im tropischen Australien! Um die weite Reise zu schaffen, sind sie auf einen Zwischenstopp in China angewiesen - doch dort wird systematisch ihre Nahrungsgrundlage, das Watt, zerstört. Ein internationales Team aus Vogelschützern und Wissenschaftlern erforscht die Vögel und ihre Flugroute und hofft, einen Beitrag zum Schutz der Tiere leisten zu können.

Von: Claudia Ruby / Redaktion: Gerda Kuhn

Stand: 02.11.2015

Wir sind am anderen Ende der Welt und treffen doch auf alte Bekannte: Watvögel, die auch an der Nordsee heimisch sind: Knutts und Pfuhlschnepfen, Strandläufer und Brachvögel. Außerdem noch andere Arten, die es nur in Australien gibt. Am Strand der Roebuck Bay im tropischen Nordwesten Australiens überwintern sie. Die Ebbe legt ihre Speisekammer frei: Tausende Vögel stochern mit langen Schnäbeln im Watt nach Kleingetier.

Unglaublicher Artenreichtum

Die unberührte Natur von Roebuck Bay lockt nicht nur Vögel an, sondern auch Forscher und Naturschützer. Chris Hassell ist vor über zwanzig Jahren aus England gekommen - und geblieben. Heute arbeitet er für die Naturschutzorganisation "Birdlife International".

"Aus zwei Gründen ist das Gebiet hier so bedeutend: Da ist die enorme Zahl an Vögeln und der Artenreichtum. Es gibt andere Orte, wo man so viele Vögel sehen kann, aber zwanzig Arten in einem Schwarm von rastenden Watvögeln - diese Vielfalt ist unglaublich."

Chris Hassell, Birdlife International

Fit für die lange Reise

Nur wenige Monate im Jahr verbringen die Zugvögel in Australien. Während dieser Zeit sind sie vollauf beschäftigt: In einer energieraubenden Prozedur wechseln sie ihr Federkleid. Erst wenn alle neuen Federn komplett nachgewachsen sind, können sie wieder richtig fliegen. Außerdem steht vor allem eines auf dem Programm: fressen, fressen und - fressen. Sie brauchen enorme Fettreserven, denn im März verlassen sie ihr australisches Winterquartier um nach Norden zu fliegen: die chinesische Küste entlang in ihre arktischen Brutgebiete. Eine gewaltige Reise von 10.000 Kilometern!

Gemeinsam für den Schutz der Vögel

Jedes Jahr im Februar trifft sich ein internationales Team aus Biologen, Ornithologen und Naturschützern an diesem besonderen Ort in Australien. Die Liebe zu den Vögeln verbindet sie - und der Forschergeist. Die Wissenschaftler wollen mehr herausfinden über den Zugweg der Vögel, über Zwischenstationen auf dem Flug und die Ansprüche an den Lebensraum. Denn anders als die europäischen Zugwege ist die Route zwischen Australien und der Arktis noch weitgehend unerforscht.

Die deutsche Biologin Jutta Leyrer ist Teil des Teams. Gemeinsam mit Chris Hassell und anderen untersucht sie die Zugvögel in der Roebuck Bay: Zunächst müssen die Vögel gefangen werden. Das geschieht mit großen Netzen, die am Strand ausgelegt und an Kanonen befestigt werden. Wenn sich ein Vogelschwarm niedergelassen hat, wird das Netz über die Vögel in die Höhe geschossen und die Vögel damit bedeckt. Dann muss alles sehr schnell gehen: Die Forscher sammeln die Vögel ein, wiegen sie, vermessen sie, prüfen die Federn, beringen sie. Anschließend werden sie frei gelassen und liefern hoffentlich in künftigen Jahren wertvolle Hinweise über ihre Flugroute und die Entwicklung des Bestandes.

Artenvielfalt im Watt

Warum ist gerade in der Roebuck Bay der Vogelreichtum zu groß? Das Geheimnis steckt sozusagen im Schlick: Bei Ebbe liegt eine gewaltige Wattfläche frei, die voller Leben ist: Muscheln, Schnecken und Würmer, Krebstiere, Schlammspringer und vieles mehr - eine ungeheure Vielfalt an Organismen. Sie sind Nahrung für die Zugvögel. Fressen und gefressen werden - es ist ein ewiger Wettlauf zwischen Räuber und Beute, zwischen Vogel und "Vogelfutter". Solange das Gleichgewicht stimmt, können beide leben. Und die Vögel können sich genügend Energiereserven anfressen, um die lange Reise in die Arktis zu überstehen. Doch das eigentliche Problem liegt woanders: in China - dort, wo die Vögel Zwischenstation machen …

Alarmierende Entwicklung

Die Bestände der Zugvögel gehen zurück - und zwar auf dem ostasiatisch-australischen Zugweg schneller als irgendwo sonst auf der Welt. Jahr für Jahr kehren weniger Vögel aus den arktischen Brutquartieren zurück.

Besonders bedroht: der Rote Knutt

Den Grund dafür haben die Wissenschaftler entdeckt: In Bohai Bay in China machen die Vögel ihren vermutlich einzigen Zwischenstopp auf der langen Reise. Zur Zugzeit ist Chris Hassell in China vor Ort - und trifft dort auf zahlreiche Vögel, die er in Australien beringt hat. Doch die Wiedersehensfreude ist getrübt, denn der Lebensraum in China schrumpft. Eine boomende Industrie beansprucht immer mehr Küstenflächen für sich.

Bestimmte Watvögel, die Roten Knutts, sind besonders betroffen, fast 80 Prozent der australischen Population machen Rast in der chinesischen Bohay Bay. Sie haben keine andere Wahl: Nur dort finden sie die Nahrung, die sie brauchen. Dass die Vögel in Australien sicher sind, nutzt wenig, wenn ihr auf dem Zug vermutlich einziger und so wichtiger Rastplatz zerstört wird.

"Es ist beeindruckend und schockierend. Wenn wir dort durch die Ferngläser gucken, dann sehen wir ‚unsere‘ Vögel - und zweihundert Meter entfernt pumpen Maschinen den Schlick weg. Man hört es, man riecht es, man sieht es. LKWs bringen Baumaterial, Mauern entstehen. Das ist ein echtes Problem. Das ist nichts, was sich Naturschützer ausdenken. Das passiert wirklich - und zwar rasant schnell."

Chris Hassell

Eine dringliche Aufgabe

Wer die gewaltigen Vogelschwärme sieht, kann es kaum glauben - doch die australischen Zugvögel sind bedroht. Das zeigt die langjährige Beobachtung ganz deutlich.

Ein Schwarm von Roten Knutts: Der Eindruck der Vogelmenge täuscht - die australischen Knutts sind bedroht.

Die Forscher arbeiten deshalb eng mit Naturschützern in China zusammen. Mit ihren Ergebnissen setzen sie sich für konkrete Schutzgebiete ein. Es geht darum, die notwendigen Raststätten der Vögel auf dem Zugweg zu erhalten.

Weitere Informationen

Wissenschaftler und Organisationen, die am Zugvogelprojekt in Broome unter anderem beteiligt sind:


28