Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung


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Vogelforschung Nonstop-Flieger und Komponisten

Vögel sind längst erforscht und man weiß alles über sie - so könnte man meinen. Doch falsch gedacht! Manche Geschichten, die so unglaublich klingen, dass man sie schon fast der Welt der Mythen zugeordnet hatte, werden erst heute mit wissenschaftlichen Fakten belegt. Und manches Wissen über Vögel, auf das jahrzehntelang jeder Forscher sein Haus verwettet hätte, stellt sich in letzter Zeit als falsch heraus …

Von: Yvonne Maier

Stand: 04.05.2015

Pfuhlschnepfe | Bild: picture-alliance/dpa

Viele Vögel leisten Erstaunliches - darunter beispielsweise auch Alpensegler. Es ist zwar nicht einfach, kleine Vögel auf ihrer Reise um den halben Kontinent lückenlos zu überwachen. Doch seit wenigen Jahren gibt es Datensammelgeräte - sogenannte Logger, die so klein sind, dass sie wie ein Rucksack auch auf kleine Zugvögel geschnallt werden können.

Tag und Nacht in der Luft

Felix Liechti, Leiter der Vogelzugforschung an der Schweizer Vogelwarte, hat Vögel mit diesen Loggern ausgestattet: Sechs Alpensegler mit Datenrucksack haben sich von der Schweiz aus auf den Weg zu ihren Winterquartieren in Afrika gemacht. Das Ergebnis war erstaunlich - wie Felix Liechti im Audio beschreibt:

Schlafen im Flug?

Nicht nur Alpensegler, auch ihre Verwandten, die Mauersegler, leisten Unglaubliches.

Sie sind perfekte Flieger: Mauersegler.

Im Sturzflug erreichen sie bis zu 200 Kilometer pro Stunde - doch die unglaublichste Geschichte über sie ist nicht ihr enormes Tempo. Es ist die Vermutung, dass auch diese Vögel monatelang den Erdboden nicht berühren: Mit einem Tracking-Radar hat man die Aktivität einzelner Mauersegler verfolgt und aufgezeichnet. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Mauersegler nachts in der Luft schlafen.

Die typische Silhouette am Sommerhimmel: Mauersegler verbringen den Sommer bei uns, den Winter in Afrika.

Bestimmt sind Ihnen schon einmal diese Vögel aufgefallen: Sie sehen ähnlich aus wie Schwalben, jagen zu mehreren in ungeheurem Tempo im Formationsflug über den sommerlichen Stadthimmel und lassen dabei ein unverkennbares, lautes "Siiirrr-siiirrr" hören: typisch Mauersegler.

Audio

Mauersegler  | Bild: picture-alliance/dpa zum Audio Sound of Summer So klingen Mauersegler

Sommer in der Stadt ... Dazu gehört dieses unverkennbare Geräusch: Mauersegler jagen durch die Luft. [mehr]

Vögel, die so lange in der Luft bleiben, müssen auf irgendeine Weise während des Fliegens schlafen. Bisher hat man das nicht für möglich gehalten. Fliegen ist eine hochkomplexe Angelegenheit - dabei kann man nicht einfach wegnicken. Möglicherweise machen es die Langstreckenflieger unter den Vögeln ähnlich wie die Delfine? Von ihnen weiß man, dass nachts eine Gehirnhälfte "schläft", während die andere weiter funktioniert und dafür sorgt, dass der schlafende Delfin regelmäßig an die Oberfläche zum Luftholen schwimmt.

11.000 Kilometer im Nonstop-Flug

Und dann gibt es noch eine Vogelart, von dem neuere Forschungen beweisen, dass sie Ungeheures leistet: die Pfuhlschnepfe.

Sie fliegt von Alaska nach Neuseeland oder Australien: die Pfuhlschnepfe.

Sie brütet in Alaska und zieht im Herbst über den Pazifik nach Neuseeland. Sage und schreibe 11.000 Kilometer. Aber das ist noch nicht alles: Sie legt diese Strecke ohne Zwischenlandung zurück - in achteinhalb Tagen! Eine gewaltige Anstrengung ohne jede Pause und ohne Nahrungsaufnahme!

Singvogel-Mythos: Nur das Männchen singt

Seit ewigen Zeiten hält sich ein Mythos über Singvögel, der besagt: Nur die Männchen singen. Sie tun das, um Weibchen anzulocken und ihr Revier zu markieren. So steht es beispielsweise noch in Brehms Tierleben. Er bezieht sich auf Charles Darwin, der Ende des 19. Jahrhunderts sagte: Bei den Vögeln singen nur die Männer. Und auch in jedem aktuellen Biologiebuch steht das so.

Ein Mythos zerbricht: Vogelfrauen singen!

Bei den Rotkehlchen singen nicht nur die Männchen.

Es ist zwar tatsächlich so, dass die Vogelweibchen im Norden von Europa und Amerika fast nie singen. Eine Ausnahme bei uns ist das Rotkehlchen - bei ihnen singen auch die Weibchen. Doch in Australien ist das ganz anders: Hier singen bei vielen Arten auch die Weibchen. Als dann auch noch bekannt wurde, dass der Ursprung aller modernen Singvögel in Australien liegt, wurden die Biologin Katharina Riebel und zwei Kolleginnen aus Australien stutzig: Könnte das nicht bedeuteten …

"…, dass wir die ganze Zeit die falschen Fragen gestellt haben. Vielleicht ist es nämlich so,  dass bei den ursprünglichen Singvögeln (…) die Frau und der Mann gesungen haben. Vielleicht war das die ursprüngliche Situation."

Prof. Katharina Riebel, Biologin, Universität Leiden

Es begann eine jahrelange, akribische Arbeit. Die Biologinnen wälzten ein Vogelbuch nach dem anderen, recherchierten in alten Vogelzeitschriften aus aller Welt - auf der Suche nach Berichten über weiblichen Vogelgesang. Und sie wurden tatsächlich fündig: Bei 323 Arten singen zwei Drittel der Weibchen offensichtlich doch. Außerdem errechneten die Forscherinnen eine 95-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass auch vor 65 Millionen Jahren die letzte gemeinsame Vogel-Vorfahrin gesungen haben muss. 

Mit ihrer Veröffentlichung haben Katharina Riebel und ihre Kolleginnen ein Dogma der Vogelkunde über den Haufen geworfen. Und auch der deutsche Wikipediaeintrag und so ziemlich jedes Biobuch-Kapitel zum Vogelgesang ist damit überholt.

Ein Vogel als Komponist

Im Amazonasgebiet lebt der Flageolettzaunkönig, auch Uirapuru genannt. Er singt für menschliches Empfinden äußerst schön. Doch was macht seinen Gesang eigentlich aus? Das wollten die britische Komponistin Emily Doolittle und der Vogelforscher Henrik Brumm vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen bei Starnberg wissen. Laut Emily Doolittle gilt für fast jede Musik: Konsonante Tonabstände - also Oktaven, Quinten, Terzen und Sexten - klingen sehr angenehm und rein, rund und schön.

Und was singt der Uirapuru? Seine Lieder enthalten tatsächlich häufiger Oktaven und andere wohlklingende Tonabstände. Konsonante Tonabstände entstehen physikalisch einfach. Es ist also relativ simple, was der Flageolettzaunkönig singt. Doch er macht noch mehr: Er singt etwas, was man in der Musik "Motiv" nennt - also eine Tonabfolge, die im Laufe eines Musikstücks wiederholt oder auch verändert wird. Bisher hat man gedacht, dass so etwas ausschließlich in menschlicher Musik vorkommt.


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