Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung


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Vielfalt im Garten Alte Obst- und Gemüsesorten

Wer im Gartencenter Gemüsepflanzen kauft, hat nicht viel Auswahl. Und im Supermarkt liegen gerade mal sechs Apfelsorten. Dabei gibt es eine immense Sortenvielfalt. Experten und Enthusiasten wollen diesen genetischen Schatz erhalten.

Von: Renate Ell / Redaktion: Gerda Kuhn

Stand: 13.06.2013

Möhren und Rüben der Sorte Ochsenherz | Bild: picture-alliance/dpa

Fast 900 Tomatensorten hat Irina Zacharias in ihrer Sammlung: grüne, gelbe, rote, rosafarbene oder ganz dunkle, von kugelrund bis länglich, von winzig bis riesig, in allen möglichen Geschmacksrichtungen und für die unterschiedlichsten Standorte. Fast 200 Sorten sät Irina Zacharias jedes Jahr aus, um sie mit ihren typischen Eigenschaften zu erhalten. Und Hobbygärtner können jedes Jahr zwischen rund 120 Sorten wählen.

"Ich frage immer, wo wachsen bei Ihnen die Tomaten, geschützt oder nicht geschützt, oder irgendwo in Vertiefungen mit Nebel. Und ich empfehle dann vielleicht von manchen wunderschönen Sorten wie Ananas oder Orange Russian Abstand zu nehmen, denn das sind ehr wäremeliebende Tomaten, und robuste oder frühreifere Sorten zu nehmen, die mehr Aussichten auf Erfolg bieten."

Irina Zacharias, Tomatenexpertin

Neues Saatgutrecht

Das derzeitige Saatgutgesetz macht es Sorten-Erhaltern mit einer so großen Vielfalt nicht leicht. Selbst die vereinfachte Anmeldung historischer Gemüse-Sorten ist aufwändig und kostet Gebühren. Nach dem neuen EU-Sortenrecht sollen die in Zukunft wegfallen, und auch das Anmeldeverfahren soll vereinfacht werden.

Unter bestimmten Bedingungen – die noch präzisiert werden müssen - sollen Amateure ihre speziellen Sorten nach der Nischenmarkt-Regelung auch ganz ohne Anmeldung vermarkten können.  Und Vereine, die sich für die Vielfalt in Gärten und auf Äckern engagieren, sind von diesen Regelungen ganz ausgenommen, wenn sie ihr Saatgut untereinander austauschen.

"Gegen die neuen Regelungen sind die großen Saatguthersteller Sturm gelaufen. Die befürchten nämlich die Entstehung paralleler Märkte und haben Angst, dass man ihnen Marktanteile wegnimmt."

Hermann Freudenstein, Bundessortenamt

Äpfel mit Geschichte

Wer alte Apfelsorten sucht, findet sie nicht in den heutigen Anbauregionen, etwa am Bodensee. Sondern dort, wo aus der Obstwiese hinter dem Haus nie ein moderner Erwerbsanbau wurde, etwa im Allgäu. Viele der alten, knorrigen Bäume bieten echte Raritäten.

Alte Sorten werden mit historischen Beschreibungen verglichen.

Pomologen - also Obstexperten - aus Bayern, Baden-Württemberg, Vorarlberg, Liechtenstein und der Schweiz haben in einem internationalen Projekt alte Sorten im Bergland rund um den Bodensee katalogisiert und die interessantesten in Erhaltungsgärten auf junge Bäumchen veredelt. Um 180 Sorten aus dem Allgäu kümmert sich die Obstbau-Versuchsstation in Schlachters bei Lindau, die zur Hochschule Weihenstephan-Triesdorf gehört. In einigen Jahren wird man diese Sorten auch bei speziellen Baumschulen für den heimischen Garten kaufen können.

"Die Bäume brechen altersbedingt einfach langsam zusammen, wenn man jetzt nicht hergeht und versucht, diese alte Vielfalt, oder das was davon noch übrig ist, zu erhalten - in 20 Jahren braucht man damit nicht mehr anzufangen."

Hans-Thomas Bosch, Pomologe

Forschung in der Genbank

Mit mehr als 150.000 Varietäten aus über 3.000 Arten beherbergt das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben, einem kleinen Ort südwestlich von Magdeburg, eine der größten Genbanken weltweit. Dieser wertvolle Gen-Pool wird immer wieder für die Züchtung neuer Sorten genutzt. Die Wissenschaftler suchen inzwischen auch im Labor nach Genen für besondere Eigenschaften, etwa eine besonders ausgeprägte  Widerstandskraft gegen Krankheitserreger. Ohne die riesige Gaterslebener Sammlung - und ohne die vielen privaten Liebhaber, die sich für die Sortenerhaltung engagieren, wären wohl viele der Gen-Varianten, die Züchter heute suchen, schon lange verloren.

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