Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung


1

Gletscherschmelze weltweit Das Eis schmilzt im Rekordtempo

Die Gletscher schrumpfen immer schneller: In den vergangenen Jahren schwand das Eis bis zu drei Mal schneller als im 20. Jahrhundert. Forscher prophezeihen: Das Schmelzen lässt sich nicht mehr aufhalten.

Stand: 25.06.2020

Seit mehr als 120 Jahren sammelt der World Glacier Monitoring Service (WGMS, Welt-Gletscher-Überwachungsdienst) Daten über die Veränderung der Gletscher weltweit. Referenzgletscher aus fast zwanzig verschiedenen Bergregionen der Welt werden beobachtet, um ein globales Bild zu erhalten, was mit den Gletschern im Klimawandel passiert. Das Fazit lautet: Die Geschwindigkeit der aktuellen globalen Gletscherschmelze ist ohne Beispiel in der Geschichte.

"Die Eisdicke der beobachteten Gletscher nimmt derzeit jedes Jahr zwischen einem halben und einem ganzen Meter ab. Das ist zwei- bis dreimal mehr als der entsprechende Durchschnitt im 20. Jahrhundert."

Michael Zemp, Direktor des World Glacier Monitoring Service

Traurige Bilanz in den Alpen

Die alpinen Gletscher in Frankreich, der Schweiz, Österreich und Italien haben von 2000 bis 2014 etwa ein Sechstel, also rund 17 Prozent, ihres Eisvolumens verloren. Das zeigt eine Studie von Geografen der Universität Erlangen-Nürnberg, die am 25. Juni 2020 im Fachmagazin Nature Communications veröffentlicht wurde. Mithilfe einer neuen Mess-Methode basierend auf Satelliten-Daten konnten die Forscher den gesamten Alpenraum und das gesamte Gletschervolumen analysieren - und zwar fast gleichzeitig die Fläche und die Höhe der Gletscher. Bislang wurden eher einzelne Gletscher oder Regionen betrachtet ohne die starke Dynamik der Gletscherregionen in den Alpen zu berücksichtigen.

Die neue Mess-Methode bestand aus dreidimensionalen Geländemodellen aus Daten des deutschen Radarsatelliten TanDEM-X und der deutsch-amerikanischen Shuttle Radar Topograhpy-Satellitenmissionen. Diese wurden mit Änderungen der Gletscherausdehnungen aus optischen Aufnahmen der Landsat-Satelliten der NASA kombiniert.

Gletscherschwund besonders in Schweizer Alpen und Alpen-Randgebirgen

Der gewaltige Aletschgletscher schmilzt (Aufnahme von Juli 2018).

So zeigte sich, dass vom Gletscherschwund in den Alpen besonders die Schweizer Alpen und Alpen-Randgebirge betroffen sind: Der größte Gletscher der Alpen, der Große Aletschgletscher im Schweizer Wallis, schmolz um mehr als fünf Meter pro Jahr in den unteren Lagen. In den höchsten Lagen der Zentralalpen war keine Eisschmelze festzustellen. Bei den sogenannten Randgebirgen schwanden dagegen die Gletscher auch in höheren Lagen. Wahrscheinlich werden Randbereiche daher die ersten Regionen sein, die künftig eisfrei werden, schätzt Geograf Christian Sommer von der Universität Erlangen-Nürnberg.

Schmelzwasser-Vorhersage im Sommer möglich

Die neue Mess-Methode macht es auch möglich, die Menge an Schmelzwasser in den Sommermonaten vorherzusagen. Diese hat großen Einfluss auf die Wasserversorgung und Energiegewinnung vieler Länder. Nicht nur im Alpenraum, sondern auch in "einigen großen europäischen Flusssystemen mit Ursprung in den Alpen", sagt Christian Sommer. So hat während der Sommermonate der Wasserabfluss aus Gletscherschmelzwasser für Rhone und Po beispielsweise einen Anteil von bis zu 20 Prozent ihrer Gesamtwassermenge. Wie es um Bayerns Gletscher steht ...

Gletscherschmelze - ein globales Phänomen

Die Gletscherzunge Nigardsbreen in Norwegen hat sich von 2009 bis 2015 deutlich zurückgezogen.

Die kontinuierlichen Beobachtungen des WGMS zeigen außerdem: Das langfristige Zurückschmelzen der Gletscherzungen ist ein globales Phänomen. Einzelne Gletscher sind zwar wieder gewachsen, diese Vorstöße sind aber regional und zeitlich beschränkt. Sie reichen bei Weitem nicht an die Hochstände der kleinen Eiszeit heran, die zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert herrschte. Die norwegischen Gletscherzungen etwa haben sich seit ihrem letzten Hochstand im 19. Jahrhundert um einige Kilometer zurückgezogen. Nur in der Küstenregion stießen die Gletscher in den 1990er-Jahren wenige hundert Meter vor. Seitdem sind sie aber bereits wieder deutlich geschrumpft.

Himalaja-Gletscher schmelzen inzwischen in doppelter Geschwindigkeit

Der Kumbhu-Gletscher in Nepal

Auch die Gletscher im asiatischen Himalaja-Gebirge schmelzen, wenn auch noch nicht in dem Maße wie die Alpen. Doch das ist vielleicht nur eine Frage der Zeit, wie eine Studie der US-amerikanischen Columbia-Universität in New York zeigt, die im Juni 2019 veröffentlicht wurde: Die Forscher verglichen Satellitenbilder von mehr als 650 Himalaja-Gletschern aus den vergangenen Jahrzehnten und glichen sie mit Klimadaten ab.

Dabei zeigte sich, dass die Gletscher inzwischen jährlich etwa doppelt so viel an Eisdicke verlieren wie noch vor der Jahrtausendwende: Etwa einen halben Meter Eis verlieren die Gletscher inzwischen pro Jahr. Allerdings nur im Durchschnitt, mit hoher lokaler Varianz: Weit oben im höchsten Gebirge der Welt geht die Schmelze langsamer vonstatten, dafür verlieren manche Gletscher in tiefen Lagen sogar bis zu fünf Meter an Eisdicke im Jahr. Hauptursache nach Ansicht der Forscher ist die globale Erwärmung durch den Klimawandel: Seit dem Jahr 2000 seien die Temperaturen bereits um ein Grad gestiegen im Vergleich zu den Jahren 1975 bis 2000.

Direkt oder indirekt betrifft diese gewaltige Eisschmelze etwa ein Zehntel der Weltbevölkerung, denn rund 800 Millionen Menschen profitieren in irgendeiner Form vom jährlichen Schmelzwasser aus dem Himalaja - ob für Bewässerung oder durch die Nutzung von Wasserkraft.

Eisverluste sind nicht reversibel

Eisverlust von 37 Referenzgletschern weltweit seit 1960

Die großen Eisverluste der letzten beiden Jahrzehnte haben dazu geführt, dass viele Gletscher rund um den Globus aus dem Gleichgewicht geraten sind. Diese werden weiterhin Eis verlieren, selbst wenn der Klimawandel nicht weiter fortschreitet: Gletscher reagieren mit Verzögerung auf den Temperaturanstieg. Der Schrumpfprozess, den der WGMS seit Jahren an Gletschern in zehn Gebirgsregionen weltweit beobachet, wird also anhalten.

Meeresspiegel steigt durch die Gletscherschmelze

Das Schmelzen der Gletscher hat schwerwiegende Konsequenzen für die Natur. Das Gletscherwasser fließt ins Meer und trägt dazu bei, dass der Meeresspiegel steigt. Das bedroht viele Menschen in Ländern wie Bangladesch, Pakistan, Thailand, Indonesien und Ägypten. Millionen leben dort in Gebieten, die unter Wasser stehen, wenn der Meeresspiegel nur um einen halben bis ganzen Meter steigt. Sie müssten umgesiedelt werden, wenn ihr Lebensraum im Meer versänke.

Forscher der ETH Zürich haben im April 2019 eine Studie veröffentlicht, die gezeigt hat, dass der Meeresspiegel in den letzten Jahren im Schnitt um einen Millimeter gestiegen ist, weil die Gletscher weltweit schmelzen. Dazu trugen besonders die Gletscher in Alaska bei, in Patagonien und in den arktischen Regionen rund um den Nordpol. Jährlich verlieren die 19.000 untersuchten Gletscher 335 Milliarden Tonnen Eis. Mit Satellitendaten und Beobachtungen vor Ort schätzten sie den Eisverlust seit 1961 bis 2016, nämlich auf mehr als 9.000 Milliarden Tonnen.

"Weltweit verlieren wir derzeit rund drei Mal das verbleibende Gletschervolumen der europäischen Alpen. Und das jedes Jahr."

Michael Zemp, ETH Zürich

Sollte die Temperatur der Erdatmosphäre um vier Grad Celsius steigen, wie manche Klimaexperten befürchten, würde nach Berechnungen der US-Forschungsorganisation Climate Central der Meeresspiegel sogar um mehr als sieben Meter steigen. Dann wären etwa eine halbe bis dreiviertel Milliarde Menschen weltweit betroffen. Besonders wären Küstenstädte in China und Indien bedroht. Aber auch in Deutschland hätte der Anstieg des Meeresspiegels für mehr als drei Millionen Menschen ernste Konsequenzen.

Überschwemmungen durch Gletscherschmelze

Der Gletschersee Cachet in Patagonien hat bereits mehrere Fluten ausgelöst.

Schrumpfende Gletscher sind auch für ihre Umgebung eine Gefahr. Wenn ihr Eis schneller schmilzt als früher, sammelt sich immer mehr Wasser in tiefer liegenden Gletscherseen an. Irgendwann baut sich dort ein so hoher Druck auf, dass die Wände aus Geröll einstürzen und sich das Wasser ins Tal ergießt. Das kann katastrophale Überschwemmungen auslösen. Kritisch ist auch, wenn im Gebiet des Gletschers der Permafrostboden auftaut. Lockeres Gestein kann sich lösen und ins Tal stürzen.

Gletscherschmelze führt langfristig zu Trockenheit

Wenn die Gletscher schmelzen, verlieren sie mehr Wasser. Das tun sie aber nur vorübergehend. Langfristig fließt immer weniger Wasser von ihnen ab. Das wird besonders die Bewohner der Anden und des Himalaja sowie angrenzender Regionen in Schwierigkeiten bringen. In manchen Gegenden sind die Gletscher zeitweise die wichtigste Quelle für Trinkwasser. Auch Landwirtschaft und Industriebetrieben droht Wasserknappheit, wenn die Gletscher verschwinden. Für das Schmelzen der Gletscher gilt also das Gleiche wie für viele andere Folgen der Erderwärmung: Besonders hart trifft sie Menschen in ärmeren Regionen der Welt.

  • Dramatischer Schwund der Himalajagletscher. IQ - Wissenschaft und Forschung, 21.06.2019 um 18:05 Uhr, Bayern 2
  • Opfer des Klimawandels. Notizen aus dem Glacier National Park, 22.04.2019 um 12:15 Uhr, B5 aktuell
  • Glacier Nationalpark in Montana bald ohne Gletscher. Notizbuch, 28.08.2018 um 10:05 Uhr, Bayern 2
  • Gletscherschmelze - Klimawandel im Hochgebirge. Faszination Wissen, 18.10.2016 um 22:00 Uhr, BR Fernsehen

1