Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung


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Endlich Mathe kapieren! Was läuft falsch im Matheunterricht?

Binomische Formeln, Differentialgleichungen, Parabeln - Mathematik ist für viele Lernende eine große Herausforderung. In anderen Ländern lernen Kinder leichter. Aber nicht, weil sie intelligenter sind. Die Unterrichtsqualität ist dort einfach besser.

Von: Klaus-Dieter Schuster / Redaktion: Annette Maier

Stand: 18.06.2016

Schultafel mit verschiedenen mathematischen Zeichen vollgekritzelt | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Für Mängel im deutschen Matheunterricht sehen Wissenschaftler mehrere Ursachen: Die Verkürzung der Gymnasialzeit - mit der Komprimierung des Unterrichtsstoffs - was auf Kosten der schwächeren Schüler geht. An vielen Grund- und Mittelschulen unterrichtet aber auch ein erheblicher Teil der Lehrer Mathematik "fachfremd". Außerdem hat die Ausbildung der Mathematiklehrer an den Universitäten wenig mit der Mathematik im Schulalltag zu tun. Kreative Herangehensweisen an Aufgaben haben viele Schüler nie kennengelernt, sondern nur genau vorgegebene Lösungswege.

"Ich glaube, sehr viele Schüler, die ins Matheabitur gehen, wissen eigentlich nicht, was Mathematik ist!"

Günter M. Ziegler, Professor für Mathematik, FU Berlin

Der Sinn von Mathematik wird so nur selten deutlich. Obwohl in unserem Alltag überall Mathematik steckt: in Handys, Computern, Autos und U-Bahn-Fahrplänen. Im Schulunterricht merkt man kaum etwas davon.

"Wir brauchen im Matheunterricht. Kein Faktenwissen. Faktenwissen vergisst man, wenn man es nicht verwendet. Wir brauchen Wissen, das anschlussfähig ist an Prozesse."

Kristina Reiss, Professorin für Didaktik der Mathematik, TUM-School of Education, München

Mathe - zeitgemäß

Ein zeitgemäßer Matheunterricht muss den Schülern eine Art Kaleidoskop der Mathematik nahebringen: Mathe als riesiges Wissensgebiet mit seiner Geschichte und seinen Anwendungen, mit grundlegenden Werkzeugen und kreativen Gedankenspielen - und Mathe auch als Studienziel. Aber: Viele Schüler - und auch die meisten Lehramtsstudenten für Mathematik - wissen nicht, was es heißt, "Mathematik zu machen".

"Ich verstehe darunter eine bestimmte Art von Problemlösung. Aber das, womit wir immer wieder konfrontiert sind, sind praktische Probleme. Ein erster Schritt wäre: das Modellieren - also überlegen, in welche geometrische Situation oder in welche Gleichung ich übersetzen kann, was ich gerade beobachtet habe. Der zweite Schritt: das Ausprobieren und Spielen - also eine Experimentalphase. Und da gehört dann auch das eigentliche Lösen dazu, aber auch das Aufschreiben und Überprüfen. Das sind Phasen, die sich nicht überspringen lassen."

Günter M. Ziegler, Professor für Mathematik, FU Berlin

Im Schulunterricht muss Zeit sein fürs Erklären, Üben und Wiederholen - für das Entdecken von Regeln und für das Experimentieren und Spielen. Kurzum: für eine anschauliche und lebendige Mathematik.

"Ich denke, dass Anschaulichkeit sehr wichtig ist. Dass die Schüler sich die Sachen, die man durchnimmt, auch vorstellen können. Dass sie sich selber Gedanken machen können, Sachen ableiten können. Nicht nur theoretisch auswendig lernen - die Regeln und die Gesetze."

Oliver. K., Gymnasiast München

Vier Jahre Ausbildung und 35 Jahre Unterricht

Bei der Ausbildung von Lehramtsstudenten an den Hochschulen gibt es erhebliche Mängel. Mathematik ist ein dynamisches Fach mit breitem Spektrum. Deshalb reicht die Formel "Vier Jahre Ausbildung und 35 Jahre Unterricht" einfach nicht aus. Notwendig ist eine ständige Fortbildung der Lehrer, ein ständiges "Updaten". Ende 2011 hat deshalb die Deutsche-Telekom-Stiftung das Deutsche Lehrer Zentrum für Lehrerbildung Mathematik (DLZM) eingerichtet, das von mehreren Universitäten aufgebaut wird. Hauptziel des Zentrums ist die Verbesserung der Weiterbildung für Mathematiklehrer und die Stärkung ihrer Fachkompetenz.

"Das Problem ist, dass wir einen Matheunterricht in der Schule haben, der nicht gut funktioniert. Der produziert dann Lehramtsstudenten, die eigentlich keinen Überblick über das Fach haben. Plus diejenigen, die sich das Fachstudium eigentlich nicht zutrauen und meinen, für Lehreramt reicht's schon. Und die gehen dann ohne ein Gesamtbild von ihrem Fach und ohne viel Ermutigung wieder zurück in die Schule. Und das defizitäre Bild von Mathematik, das sie aus der Schule mitgebracht haben, wird wieder in die Schule zurückgebracht. Das ist ein Teufelskreis, den man aufbrechen muss."

Günter M. Ziegler, Professor für Mathematik, FU Berlin

Literatur-Tipps

Winter, H.: Entdeckendes Lernen im Mathematikunterricht. Vieweg & Sohn, Braunschweig/Wiesbaden 1989
Ziegler, Günter M.: Darf ich Zahlen - Geschichten aus der Mathematik. Piper, München/Zürich 2011


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