Bayern 2 - Hörspiel


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Radio Dada

Stand: 02.03.2016 | Archiv

Hugo Ball | Bild: Kunsthaus Zürich

Anfang 1916, kurz nachdem Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in Berlin die Gruppe Internationale gegründet hatten und wenige Wochen bevor an der Westfront die Kämpfe um Verdun begannen, kündigte in Zürich eine Pressenotiz die Gründung eines Künstlertreffs an:

"Cabaret Voltaire. Unter diesem Namen hat sich eine Gesellschaft junger Künstler und Literaten etabliert, deren Ziel es ist, einen Mittelpunkt für die künstlerische Unterhaltung zu schaffen."

Pressenotiz, Zürich 1916

Hugo Ball

Der Hauptinitiator des neuen Treffs, Hugo Ball, notierte in seinem Tagebuch über den Eröffnungsabend am 5. Februar 1916:

"Das Lokal war überfüllt; viele konnten keinen Platz mehr finden. Gegen sechs Uhr abends, als man noch fleißig hämmerte und futuristische Plakate anbrachte, erschien eine orientalisch aussehende Deputation von vier Männlein, Mappen und Bilder unterm Arm; vielmals diskret sich verbeugend. Es stellten sich vor: Marcel Janco der Maler, Tristan Tzara, George Janco und ein vierter Herr, dessen Namen mir entging. Arp war zufällig auch da und man verständigte sich ohne viel Worte."

Hugo Ball

Dass aus der Initiative einiger europäischer Künstler, die sich aus ihren Heimatländern in die Schweiz abgesetzt hatten, eine Kunst- oder Anti-Kunst-Richtung hervorgehen sollte, die 100 Jahre später verschwommen als eine Art Urknall der modernen und der populären Kultur in der Erinnerung haften würde, dies entsprach sicher nicht den Absichten der Zürcher Dadaisten in der Spiegelgasse.

Cabaret Voltaire

"Während in der Ferne der Donner der Geschütze grollte, sangen, malten, klebten, dichteten wir aus Leibeskräften. Wir suchten eine elementare Kunst, die den Menschen vom Wahnsinn der Zeit heilen und eine neue Ordnung, die das Gleichgewicht zwischen Himmel und Hölle herstellen sollte."

Hans Arp, Dadaland

In den ersten Tagen des Cabaret Voltaire wurden Verse vorgetragen von Kandinsky, Else Lasker-Schüler, Blaise Cendrars, Jakob van Hoddis u.a. Doch schon am 11. Februar vermerkte Ball in seinem Tagebuch:

"Huelsenbeck ist angekommen. Er plädiert dafür, daß man den Rhythmus verstärkt (den Negerrhythmus). Er möchte am liebsten die Literatur in Grund und Boden trommeln."

Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit

Zeilen, aus denen erkennbar wird, dass die Künstler, die sich wenig später als Dadaisten bezeichneten und in der Folgezeit in Genf, Berlin, Paris, New York, ja global in Erscheinung treten sollten, mehr im Sinn hatten als Unterhaltung.

Explosionen der Woche

Richard Huelsenbeck skizzierte 1918 für das Dadaistische Manifest, worum es ging:

"Die Kunst ist in ihrer Ausführung und Richtung von der Zeit abhängig, in der sie lebt, und die Künstler sind Kreaturen ihrer Epoche. Die höchste Kunst wird diejenige sein, die in ihren Bewußtseinsinhalten die tausendfachen Probleme der Zeit präsentiert, der man anmerkt, daß sie sich von den Explosionen der letzten Woche werfen ließ, die ihre Glieder immer wieder unter dem Stoß des letzten Tages zusammensucht."

Richard Huelsenbeck

Es sind statements, die noch heute jenen Assoziationsraum anreichern, in dem viele Verbindungslinien vom Cabaret Voltaire zur Popavantgarde der Gegenwart gezogen werden und alles mit allem zusammenhängt. Die populärste Publikation derartiger Jahrhundertverbindungen stammt von Greil Marcus. Sein 1989 veröffentlichtes Buch Lipstick Traces. A secret history of the twentieth century schlug den Bogen von Huelsenbeck zu Sid Vicious, von Dada, über die Lettristen und Situationisten bis zum Punk.

Letzte Lockerung

Doch registrierte Peter Sloterdijk schon sechs Jahre zuvor in seiner Kritik der
zynischen Vernunft
„eine unterirdische Linie durch die Haßkultur unseres Jahrhunderts – von Dada bis zur Punk-Bewegung und zur nekrophilen Automatengestik des New Wave.“ Als exemplarischen Ausdruck solch „modernen unglücklichen Bewußtseins“ führte er Walter Serners Dada-Manifest Letzte Lockerung an und ortete eine unterirdische „Inspirationsgemeinschaft“ zwischen Dadaismus und Heideggerscher Existenztialontologie. Eine völlig andere Interpretation lieferte Hubert van den Berg in seiner Bestandsaufnahme Avantgarde und Anarchismus. Dada in Zürich und Berlin, 1999. Am Beispiel von Ball zeigte er, dass der Anarchismus weniger der Legitimation dadaistischer Destruktivität diente als der Begründung avantgardistischer „neuer Kunst“ und der Utopie eines „neuen Lebens“.

Medientechnik im Kriegsdienst

Ob Performance, Fluxus, Happening, Aktions- oder Destruktionskunst, Pop Art usw., die wesentlichen Formen, Ideen und Bewegungen, die sich im vergangenen Jahrhundert in allen Disziplinen – ob Literatur, Musik, Film oder bildende Kunst – entwickelt haben, führen zu den Züricher Dadaisten und den italienischen Futuristen. So vielfältig aber die Dadaisten einzeln und in Gruppen agierend neue künstlerische Techniken und Formen erprobten, so rudimentär, nur in Print-Form, ist ihr Wirken dokumentiert. Akustische und filmische Dada-Aufzeichnungen existieren nicht, die Medientechnik stand im Kriegsdienst. Die Auftritte eines Stöckchen schwingenden, Gedichte brüllenden Huelsenbeck sind ebenso nur als Beschreibungen überliefert wie Balls legendärer Auftritt als magischer Bischof im kubistischen Pappkostüm.

"Das laute Rezitieren ist mir zum Prüfstein der Güte eines Gedichts geworden und ich habe mich (vom Podium) belehren lassen, in welchem Ausmaße die heutige Literatur problematisch, das heißt am Schreibtische erklügelt und für die Brille des Sammlers, statt für die Ohren lebendiger Menschen gefertigt ist."

Hugo Ball, 1916


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