Bayern 2 - Hörspiel


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Hartmut Geerken fast nächte - nach ungesichteten schriften aus dem nachlass von mynona

Stand: 18.04.2012

Hartmut Geerken | Bild: BR

"der deutsche philosoph salomo friedlaender (1871-1946), der unter dem pseudonym mynona (anagramm von anonym) als schöpfer der literarischen groteske in die literaturgeschichte eingegangen ist, sitzt in seiner ärmlichen wohnung im nordosten von paris & schreibt lange listen von wörtern in ein selbstgebasteltes heft aus blättern eines alten tischkalenders. es sind merkwörter zu schüttelreimen. man schreibt die jahre 1941 bis 1945. seit jahren hat mynona seine wohnung nicht mehr verlassen. stuben-arrest. die hauptgründe der isolation sind seine schlimme asthmatische verfassung, die dauernde gefahr der deportation in ein vernichtungslager im osten & die verschlissene kleidung, in der er nicht mehr unter die leute will. die knisternde monotonie dieser ‚gefangenschaft’ ist die eine stimmung des hörspiels. die andere ist der fasching. kein richtiger fasching, sondern ein verdrängter, eine groteske, brutale ‚fast nacht’. so nämlich lautet der titel einer seiner bitterbösen geschichten, die im hörspiel ungekürzt von einem ehemaligen dachauer kz-häftling (max mannheimer) gelesen wird.

die hörspielfassung der geschichte wurde aus aufzeichnungen aus dem nachlaß restituiert. in polaristischer entsprechung zum text ‚fast nacht’ liest ein unverbesserlicher 93-jähriger nazi, es ist der vater des autors, namen von häftlingen, konzentrationslagern & listen von häftlingsnummern.

leo bardischewski, der hauptsprecher, ist nicht nur sprecher. er muß auch mynonas handschriften, die er vor der aufnahme nicht zu gesicht bekam, entziffern. bardischewski konnte sich innerhalb eines bestimmten handschriftenkonvoluts seinen text selbst zusammenstellen. die ausgangswörter der schüttelreime mußte er zu ergänzen versuchen. von einer fast vollständig ausgebleichten gedichthandschrift waren nur noch einzelne wörter oder wortfragmente zu erkennen; inhalt & sinn waren so gut wie verschwunden. das hatte seine auswirkungen auf die art des sprechens. die pausen zwischen den wörtern wurden wichtiger als die wörter selbst."

Hartmut Geerken

Hartmut Geerken: fast nächte - nach ungesichteten schriften aus dem nachlass von mynona

Maßnahmen des Verschwindens: Eine Exiltrilogie

Realisation: Hartmut Geerken
Mit Max Mannheimer, Leo Bardischewski, Heinrich August Geerken, Hartmut Geerken, Heinz-Ludwig Friedlaender
BR 1992


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