Bayern 2 - Hörspiel


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Surreal anmutendes Prosastück "Der Schatten des Körpers des Kutschers" von Peter Weiss

Der 1960 publizierte Mikroroman von Peter Weiss "Der Schatten des Körpers des Kutschers" zählt zum Frühwerk des Autors ("Die Ästhetik des Widerstands"). Es ist ein surreal anmutendes Prosastück von größter Modernität, ein deutscher Nouveau Roman.

Stand: 22.03.2019

Der Schriftsteller Peter Weiss 1965 in Berlin | Bild: picture-alliance/dpa

Surreal anmutendes Prosastück

Auf einem Gutshof, ein paar Fahrstunden entfernt von der Stadt, leben eine Haushälterin, ein Hausknecht, ein Hauptmann, ein Doktor, ein Schneider, Herr Schnee, eine vierköpfige Familie und der Ich- Erzähler. Land wird bearbeitet, Tiere werden gefüttert, es wird gekocht, man kommt zum Essen in die Küche. Alles scheint, wie es ist. Die minutiösen Beschreibungen der Örtlichkeit, der Bewohner und ihrer Alltagsrituale jedoch lassen ahnen, dass es mit ihrem Mikrokosmos nicht zum Besten steht. Ein alptraumhafter Druck lastet auf allem, auf der Landschaft, auf den Menschen. Jeden Augenblick könnte die Katastrophe hereinbrechen. Bisweilen flieht der Ich-Erzähler aus dieser Welt, indem er sich Salzkörner in die Augen streut. Durch einen Schleier von Tränen sieht er dann neue Bilder. Doch die Wirklichkeit holt ihn schnell wieder zurück in seine Welt. Mit fast pedantischer Akribie sucht er die ihn umgebende monströse Unwirklichkeit zu bannen, sie sich einzuverleiben und so zugleich vom Leib zu halten. Doch es gelingt ihm nicht. Immer wieder wird er ins skurrile Geschehen verwickelt, muss auch mit ansehen, wie der Vater den Sohn schlägt, muss konstatieren, dass sich an diesem Ort zwischen seinen schemenhaften Protagonisten menschliche Nähe nicht entfalten will.

Choreographie der Lust

Der Kulminationspunkt des Romans, die Vereinigung der Körper des aus der Stadt gekommenen Kutschers und der recht derben Haushälterin, ist folgerichtig auch nur ein Schattenspiel. In Anlehnung an Platons Höhlengleichnis wird der Ich-Erzähler Zeuge einer Choreographie der Lust, von der Küchenlampe auf den Boden des Hofes geworfen: „Nach einer Weile richtete sich der Schatten des Kutschers vom Schatten der Haushälterin auf, und auch der Schatten der Haushälterin richtete sich auf, und an den weiteren Bewegungen der Schatten sah ich, dass sowohl der Kutscher wie auch die Haushälterin den Tisch verließen und sich in die Tiefe der Küche hineinbegaben, wo mir ihr Vorhaben verborgen blieb.“


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