Bayern 2 - Hörspiel


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"Das Ende der Paraden" von Ford Madox Ford Kompletter Hörspiel-Download

England zur Zeit des Ersten Weltkrieges: Frauen kämpfen um das Recht zu wählen, die Elite verliert sich in Diskussionen um Rang und Namen, die Wirtschaft ist in Schieflage geraten, Ehe und Familie haben durch den allgemeinen Trend zur Untreue an Wert verloren. Hörspiel in 7 Teilen im BR Podcast Hörspiel Pool.

Stand: 11.04.2018

Plakat der Zeitschrift “"The Suffragette" aus dem Jahr” 1914 zum "Cat and Mouse Act”" (Gesetz der britischen Regierung zur Abschaffung der Zwangsernährung von Suffragetten im Hungerstreik)“ | Bild: picture-alliance/dpa

Das 7-teilige Hörspiel wurde vom 21.01. bis 05.03.2018 wöchentlich auf Bayern 2 urgesendet

"Ein wenig bekanntes Werk der Moderne, das Klaus Buhlert als fesselndes siebenteiliges Hörspiel inszeniert hat. Erzählt wird die Geschichtedes Ehekriegs zwischen dem Gentleman Tietjens, gesprochen von Felix Goeser, und seiner Frau Sylvia. Hier brilliert Bibiana Beglau in der Personifizierung von Bosheit und Hass. 1914 meldet sich Tietjens als Freiwilliger und tauscht den privaten Krieg gegen den globalen."

 Jurybegründung zum 2. Platz der hr2-Hörbuchbestenliste April 2018

Der Aristokrat, die untreue Ehefrau und die Suffragette

Christopher Tietjens ist ein Held vom alten Schlag, der wohl letzte verbliebene Gentleman im England des beginnenden 20. Jahrhunderts. Die immer korrupter und unmoralischer werdende Gesellschaft - allen voran seine untreue Ehefrau Sylvia - machen es ihm zunehmend schwer, seine noblen Ideale von Selbstlosigkeit und Zurückhaltung zu bewahren. So zieht Tietjens in den Ersten Weltkrieg und muss an zwei Fronten gleichzeitig kämpfen: Als Soldat gegen die Deutschen, als Ehrenmann gegen die Intrigen seiner Frau.

Gesellschaft im Umbruch

Ford Madox Ford zeichnet mit seiner Tetralogie Das Ende der Paraden das Porträt einer Gesellschaft im Umbruch, vom Viktorianismus hin zur Moderne: Frauen kämpfen um das Recht zu wählen, die Elite verliert sich in Diskussionen um Rang und Namen, die Wirtschaft ist in Schieflage geraten, Ehe und Familie haben durch den allgemeinen Trend zur Untreue an Wert verloren - kurzum: es herrscht Orientierungslosigkeit in allen sozialen Schichten. Diese Orientierungslosigkeit bildet Ford Madox Ford durch seine Erzählweise ab, er vermischt Perspektiven, innere Monologe, Bilder und Erinnerungen, die umherfliegen wie Granatensplitter. Endgültig und unwiederbringlich zerfällt die alte Ordnung, privat wie gesellschaftlich, mit dem Ende des Krieges, dem Tag des Waffenstillstands, mit dem der dritte Band, Der Mann, der aufrecht blieb, beginnt. Valentine und Christopher finden sich wieder und müssen nun nach vier Jahren Ausnahmezustand ihre Realität neu zusammensetzen und gestalten.

Sprachlosigkeit angesichts der inneren und äußeren Umwälzungen

Als Epilog rekapituliert der vierte Band, "Zapfenstreich", schließlich aus der Sicht vieler verschiedener Figuren in Christopher Tietjens Umfeld, was sich in den vergangenen Jahren ereignet hat. Tietjens lebt zusammen mit Valentine, die ein Kind von ihm erwartet, seinem sterbenden Bruder Mark und dessen französischer Geliebter auf dem Familienanwesen. Der Bruder hat am Tag des Waffenstillstandes beschlossen, nie mehr zu sprechen. Diese Sprachlosigkeit angesichts der inneren und äußeren Umwälzungen des Systems ist symptomatisch für den gesamten Text und für die Zeit, in der er spielt.

Akustisches Bild von Ford Madox Fords Welt

Das nicht Gesagte oder nicht Sagbare ist auch die Herausforderung für die siebenteilige Hörspielproduktion, die Klaus Buhlert aus Ford Madox Fords vier Romanbänden inszeniert hat. Die Bruchstücke, Wortfetzen, Eindrücke und Vorstellungen verdichten sich immer wieder zu dynamischen Musiktableaus, die das Kriegsgetöse lautmalerisch hörbar machen, die Leitmotive hervorheben und so ihr eigenes akustisches Bild von Ford Madox Fords Welt zeichnen.

Ford Madox Ford: Das Ende der Paraden

Aus dem Englischen von Joachim Utz

Erzähler: Jens Harzer
Christopher Tietjens: Felix Goeser
Sylvia Tietjens: Bibiana Beglau
Valentine Wannop: Anna Drexler
Macmaster: Stefan Merki
Mrs. Satterthwaite , Miss Wanostrocht: Wiebke Puls
Pater Consett, General O`Hara: Stefan Wilkening
General Campion: Manfred Zapatka
Mrs. Wannop, Marie Léonie: Caroline Ebner
Mrs. Duchemin, Dienstmädchen: Jeanette Spassova
Hochwürden Duchemin: Wolfram Koch
Colonel Levin: Johannes Silberschneider
Captain McKechnie: Shenja Lacher
Cowley: Achim Buch
Sergeant Case, Melder: Moritz Kienemann
Sohn: Joschka Walser
Gunning, Kutscher, Vorsteher, Stadtstreicher: Wowo Habdank
Colonel Gillum, Polizist, Offizier: Oliver Nägele
Ruggles, Perowne, Kanadier, Pferdebursche, Arzt: Franz Pätzold
Mr. Horsley: Steven Scharf

Bearbeitung, Komposition, Regie: Klaus Buhlert
BR 2018

Ford Madox Ford, geb. 1873 in Merton/ England als Ford Hermann Hueffer, Sohn eines deutschstämmigen Musikkritikers. Namensänderung wegen der anti-deutschen Stimmung während des Ersten Weltkriegs, Mittelname zu Ehren des Großvaters mütterlicherseits, des Malers Ford Madox Brown. Studium in London.

1891 Konversion zum katholischen Glauben. 1915-17 als Soldat der britischen Armee im Ersten Weltkrieg. Als er 1908 sein erstes Literaturmagazin "The English Review" gründet, veröffentlicht er darin u.a. Texte von Joseph Conrad, Henry James, John Galsworthy und William Buttler Yeats. Mit Joseph Conrad verbindet Ford eine enge Freundschaft, die beiden verfassen zusammen den Roman "Romance" (1903). Tätigkeit als Verleger, Kritiker und Schriftsteller. Seine bedeutendsten Werke sind "The Good Soldier" (1915, dt. Übersetzung: "Die allertraurigste Geschichte") und die Tetralogie "Parade' s End" (1924-28, dt. Übersetzung: "Das Ende der Paraden"). Im Pariser Exil entsteht das Magazin "Transatlantic Review" und ist Grundstein für die Zusammenarbeit mit James Joyce, Ernest Hemingway, Gertrude Stein und Ezra Pound in den 1920er Jahren. 1933 Veröffentlichung der Autobiografie "It Was The Nightingale". 1939 stirbt Ford Madox Ford im französischen Deauville.


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