Bayern 2 - Hörspiel


6

Elfriede Jelinek Wut

Stand: 10.01.2018

Elfriede Jelinek | Bild: picture-alliance/dpa / APA/picturedesk.com / ROLAND SCHLAGER

Auslöser für die Entstehung von Wut waren die Anschläge auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt in Paris im Januar 2015. Elfriede Jelinek entfesselt in ihrem Text jene Wut, die zu diesen Gewalttaten geführt haben mag. Doch bleibt sie nicht bei den Tätern, denn wütend sind alle, die im Stück auftreten, von deutschen Wutbürgern bis hin zum antiken griechischen Hercules und nicht zu vergessen natürlich die Autorin selbst angesichts des Terrors und Populismus in der Welt. In den sich überlagernden Bedeutungsebenen scheinen aber auch die Fragen auf: Was kommt nach der Wut? Was bewirkt sie: Zerstörung, Ausgrenzung - oder kann sie auch Motor und Verbindung sein?

"Ich habe dauernd Schaum vorm Mund vor Wut. Ich rege mich halt leicht auf und gern, so wie die Poster in den Foren, das ist menschlich, das ist die Not der Heimat- und Notlosigkeit, die haben niemand anderen, der ihnen zuhört. Diese Wut!, die ist nun gar nicht mehr zu fassen, meine Wut, denn obwohl alle wissen, sie sollten das unterlassen, hat irgendein Idiot ihre Fesseln gelöst, und jetzt haben wir den Salat. Zuerst nur Zähneknirschen, dann Brüllen, dann mit den Füßen Aufstampfen, dann Freveln, dann Mordlust, Mordwut. Ich beginne jetzt zu rasen, es steigt in mir hoch, ich habe keine Stimme, die wurde mir bei der letzten Wahl abgenommen, aber ich habe eine Art Kocher, einen Herd, der mich erhitzt, der mich auflädt, ist das der Zorn des Hercules Furens? Ich kann das alles in meiner Wut nicht mehr unterscheiden und schlage blind um mich, auf die Blindheit kommt es in der Wut besonders an, manchmal kann man sie nur schwer erzeugen, sie ist ja kein industrielles Massenprodukt, sie muss speziell und individuell eigens angefertigt werden. In der Wut gibt es keinen Zweifel, man hätte auch keine Zeit mehr dafür, gezweifelt wird vorher, wenn überhaupt, danach ist es zu spät. Ich will es immer rauslassen, was ich nie gewusst habe. Dort drüben rennt es, das Unbewusste! Wie diese Männer, auf die ich auch eine unglaubliche Wut habe, doch in meiner Blindheit sehe ich sie nicht richtig, sind das die, die wir umbringen wollten? Ich sehe den Abzugshebel, weiß auch, wie der betätigt wird und was dann passiert, aber wir fragen uns doch: Wo fasste uns das Wüten? Wo fasste jeden das Wüten, fast jeden zumindest? Wo war das? Wo verdarb es uns? Für wessen Verderben haben wir gesorgt?"

Textcollage aus Elfriede Jelineks 'Wut' von Leonhard Koppelmann

Elfriede Jelinek: Wut

Mit Katja Bürkle, Petra Morzé, Thomas Loibl, Stefan Wilkening, Jan Bluthardt
Regie: Leonhard Koppelmann
BR 2018

Elfriede Jelinek, geb. 1946 in Mürzzuschlag/Steiermark. Lyrik, Prosa, Theatertexte, Libretti, Drehbücher, Hörspiele. BR-Hörspiele u.a. Die Jubilarin (1977), Präsident Abendwind (1992), Todesraten. Hörstück nach zwei Monologen von Elfriede Jelinek (1997, Hörspiel des Monats Juni ), er nicht als er (1998), Moosbrugger will nichts von sich wissen (2004), Bambiland (2005), Sportchor (2006), Ulrike Maria Stuart (2007), Bukolit (2009), Rechnitz (2011), Neid (2011), Kein Licht. (2012), Die Straße. Die Stadt. Der Überfall (2013), Das schweigende Mädchen (2015), Am Königsweg (2017).


6